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Leiden an der Sprache
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Muhammet Mertek

Provozierend wie üblich rief Beyza Ahmet zu: „Heft’ini bana bi fırlatsana, ödevine bir bakim.” (Schmeiß mir doch mal dein Heft rüber, ich will mir deine Hausaufgaben anschauen.) Und Ahmet entgegnete sogleich: „Benimkine gucken yapacan, del mi?“ (Du willst bei mir abgucken, ne’?) Beyza: „Aptal mısın oğlum, ben Hausaufgabe’mi yapmıştım ki zaten.“ (Bist du dumm, Junge, ich habe meine Hausaufgabe schon gemacht.)

Sabrina, die zwischen den beiden türkischen Schülern saß, und Isabella, mit dem Rücken zum Fenster, hörten Beyza und Ahmet angespannt zu. Zwischen den Sätzen, deren Inhalt sie nicht ganz folgen konnten, kicherten sie nervös und warfen ihren Klassenkameraden unsichere Blicke zu. Denn sie fragten sich wahrscheinlich: „Sprechen die da etwa über mich?“. Offensichtlich erlebten sie gerade jene Ausgeschlossenheit, von der zuletzt so viel die Rede war.

Da der Ethik-Lehrer krank war, musste Herr Mert ihn vertreten. Herr Mert war ein guter Beobachter und hatte eine Ahnung, wie sich die deutschen Schülerinnen fühlten. Aber um sicherzugehen, fragte er sie einfach ganz direkt: „Wie fühlt ihr euch eigentlich, wenn eure Mitschüler Türkisch sprechen?“ Ihre einstimmige Antwort bestand aus nur einem Wort: „Ausgeschlossen!“ Schließlich fügte Isabella noch hinzu: „Vielleicht reden die schlecht über uns.“ Daraufhin hakte Herr Mert nach: „Hättet ihr denn das gleiche Gefühl, wenn sie Englisch oder Französisch gesprochen hätten oder eine Sprache, die ihr nicht kennt, zum Beispiel Chinesisch, Russisch oder Spanisch? Warum bezieht ihr es sofort auf euch, wenn sie sich in einer Sprache unterhalten, die ihr nicht kennt? Wenn ich mir vorstelle, an eurer Stelle zu sein, würde ich wahrscheinlich denken, dass sie da eben irgendetwas in ihrer Muttersprache zu besprechen haben. Das würde ich dann aber nicht unbedingt auf mich beziehen.“

Sabrina und Isabella wussten nicht recht, was sie darauf entgegnen sollten, und zogen es vor zu schweigen.

In der Schule, um die es hier geht, steht auf einer Wand geschrieben: „Hier wird nur Deutsch gesprochen!“ Und ständig ermahnen die Klassenlehrer die SchülerInnen: „Türkischsprechen ist ab jetzt an dieser Schule verboten. Unsere Schulsprache ist Deutsch.“ Ob nun von dem Schriftzug an der Wand oder von den Ermahnungen der Lehrer - offensichtlich sind die deutschstämmigen Schüler durch die Haltung der Schulleitung negativ beeinflusst. Das ist ganz klar ersichtlich.

Die Schule hat sich aus zweierlei Gründen dazu entschlossen, auf einen restriktiven Ansatz zu setzen: Zum einen aufgrund des Gefühls der erwähnten ‚Ausgeschlossenheit‘ und zum anderen aufgrund der Sorge, „sie könnten ja schlecht über uns sprechen…“. Diese beiden Argumente sind es, die die deutschstämmigen SchülerInnen immer wieder vorbringen, ganz als wären sie darauf konditioniert. Ist das vielleicht ein Zeichen dafür, dass sie zu wenig Selbstvertrauen besitzen oder unter Komplexen leiden?

Egal, an welchem Ort der Welt - es sollte nur natürlich sein, dass die Menschen ihre eigene Muttersprache sprechen dürfen. Was sind das bloß für Zustände, die hier in Deutschland herrschen?

Isabella und Sabrina sind in der Tat beispielhaft für die meisten deutschen Schülerinnen und Schüler. In vielen Schulen herrscht zurzeit ein ähnliches Klima. Obwohl es doch abzusehen war, dass sich die türkischen Schüler dagegen wehren würden, dass man ihrer Muttersprache jeden Wert abspricht, obwohl sie doch eine Zivilisationssprache ist, und sie vom Schulhof verbannt, hat man kurzerhand beschlossen, die deutschstämmigen SchülerInnen durch Anordnung von oben vor dem Gefühl der Ausgeschlossenheit zu retten. Dass diese Anordnung Probleme löst, ist ein Trugschluss. Denn genau diese Gefühle der Ausgeschlossenheit - „die mögen uns nicht, die sind uns feindlich gesinnt!“ - entwickeln sich nun vermehrt bei den türkischen Schülern.

Herr Mert machte dieses Sprachproblem so zu schaffen, dass er gar nicht merkte, wie die Zeit verging. Der Umgang miteinander könnte so viel besser und unproblematischer sein. „Hätte man doch,…“, dachte er sich wie so oft: Hätte man doch unserer Muttersprache nur ein wenig Respekt entgegengebracht, hätte man doch unseren Kindern nur einige wenige unsere anatolischen Gedichte und Lieder beigebracht, hätten man uns doch dazu ermutigt, unsere eigene Sprache zu lernen, ohne sie völlig zu zerstückeln, wären wir doch nur unvoreingenommen und interessiert aufeinander zugegangen und hätten unseren Argwohn und unsere überflüssigen Ängste besiegt...

Da ertönte der Pausengong und riss ihn aus seinen Gedanken.

15. Januar 2011

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