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Muhammet Mertek
Verehrte Frau Schröder, im "Wiesbadener Kurier" kritisieren Sie die Machokultur der muslimischen Jugendlichen. Unter anderem versichern Sie, dass ein Zusammenhang zwischen Religiosität, Machoregeln und Gewaltbereitschaft bestehe. Sie betonen, dass es „bei einigen jungen Muslimen eine gewaltverherrlichende Machokultur gibt, die auch kulturelle Wurzeln hat“. Weiterhin beklagen Sie, dass nicht selten deutsche Kinder an den Schulen gemobbt werden, nur weil sie Deutsche sind.
Ihre Aussagen sind natürlich ernst zu nehmen, zumal Sie sich dabei auf Studien Ihres Ministeriums berufen und diese als Familienministerin zur Sprache bringen. Andererseits wird gerade solchen Studien in eigener Sache oft vorgeworfen, „operativ“ zu sein und zweifelhafte Ergebnisse zu liefern. Ich jedenfalls bin absolut nicht der Ansicht, dass man Muslimsein mit Machogehabe gleichsetzen oder Gewaltbereitschaft mit dem Islam in seiner Eigenschaft als Religion in Verbindung bringen kann. Um mir ein besseres Bild von Ihren Angaben machen zu können, würde ich mit Ihnen gern einige Punkte klären:
Wie genau lauteten die Fragen und die Antworten, die einen Zusammenhang zwischen Muslimsein und Machogehabe bzw. zwischen Gewaltbereitschaft und Islam nahelegen? Anhand welcher Kriterien wurde die Religiosität der Jugendlichen gemessen? Waren die besagten Studien vielleicht von Anfang an darauf ausgelegt, vorherrschende Vorurteile zu untermauern, oder wurden dort tatsächlich besonders gläubige Jugendliche befragt? Vielleicht können auch Ihre Berater das nicht Bestimmtheit sagen. Mich jedenfalls machen die Ergebnisse dieser Studien äußerst skeptisch, denn sie widersprechen allem, was ich über meine Religion weiß, und all meinen Erfahrungen mit anderen Muslimen. Meiner Überzeugung nach bringt richtig verstandene islamische Religiosität auf keinen Fall eine Machokultur hervor. Je gläubiger ein Muslim wird, desto feinfühliger und friedvoller wird er auch. Niemals würde ihm einfallen, anderen Menschen Gewalt anzutun. Er würde nicht einmal - wie man so schön sagt - einer Ameise etwas zuleide tun.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich möchte keineswegs behaupten, dass es unter Muslimen keine Machos und keine gewaltbereiten Menschen gäbe. Die gibt es ganz bestimmt. Höchst fragwürdig finde ich nur den Zusammenhang zwischen Machogehabe, Gewaltbereitschaft und islamischer Religiosität an sich. Hier fällt mir spontan sofort eine andere Studie mit dem Titel „Deutsche Zustände“ ein, die kürzlich von Soziologen um den Bielefelder Forscher Wilhelm Heitmeyer präsentiert wurde. Kennen Sie sie? Dort ist die Rede von einer Vereisung des sozialen Klimas, von einem verrohenden Bürgertum und von einer erschreckend zunehmenden Islamfeindlichkeit. Prof. Heitmeyer spricht sogar von einer „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“. Ein harmonisches Zusammenleben erfordert, dass die Gesellschaft zu denen steht, die benachteiligt und als andersartig bezeichnet werden, dass man keinen Kulturrassismus duldet. Mit Ihren Behauptungen jedoch bewirken Sie bedauerlicherweise jedoch genau das Gegenteil.
Immer wieder werden die gleichen Anschuldigungen gegen Muslime erhoben, und ich frage mich ernsthaft, ob diejenigen, diese Behauptungen in die Welt setzen, in derselben Gesellschaft leben wie ich. Was bezwecken solche Aussagen, wo doch gleichzeitig den Menschen ständig eingeimpft wird, dass die Terrorgefahr allseits präsent ist. Und welchen Schaden richten sie an?
Die Argumente, die zu den von Ihnen gezogenen Schlussfolgerungen führen, halte ich für gegenstandslos. Und ich könnte Ihnen auch genau erklären und darlegen, warum. Doch möchte ich es entschieden ablehnen, mich hier damit auseinanderzusetzen. Denn dadurch würde ich mich nur in eine Rechtfertigungs-Position begeben. Eine Begegnung oder ein Gespräch auf Augenhöhe über bestehende Probleme wäre somit ausgeschlossen.
Verehrte Ministerin, ich bitte Sie, gehören Sie nicht zu denjenigen, die die Muslime als Wolf und die (anderen) Deutschen als Schaf darstellen! Sie scheinen Ihren Studien zu vertrauen. Unumstritten sind sie gleichwohl nicht. Ich erwähnte ja bereits die Studie von Prof. Heitmeyer, aber auch die beiden Forscher, die die von Ihnen zitierten Studien erstellt haben, insbesondere der Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak von der Uni Dortmund, haben sich inzwischen von Ihren Aussagen distanziert. Letzterer sagte zum Beispiel: „Es gibt keine Zahl, wonach Muslime eine höhere Gewaltbereitschaft aufweisen.“
Nach heftiger Kritik aus der Politik an Ihren verallgemeinernden Behauptungen sind Sie in den letzten Tagen etwas zurückgerudert und haben sich danach vorsichtiger geäußert. Aber bedenken sie eines: Was Sie sagen, wird nicht als die Meinung einer Privatperson aufgenommen. Sie sind eine sehr einflussreiche Politikerin, und mit Pauschalisierungen dieser Art verletzen Sie die Gefühle der Muslime. Und nicht nur das, Sie bestärken auch gängige Vorurteile und verstärken die bereits bestehende Islamophobie in der Gesellschaft. Daher erwartet die muslimische Gemeinschaft eine Entschuldigung von Ihnen.
Meinem Tonfall werden Sie wahrscheinlich entnommen haben, welche Gefühle Ihre Aussagen bei mir (aber nicht nur bei mir) ausgelöst haben und welche Ängste Sie damit schüren. Ich hoffe, dass Sie sich als Familienministerin unseres Landes in Zukunft bedachter äußern und der Polarisierung der Gesellschaft entgegenwirken.
Mit freundlichen Grüßen
10. Dezember 2010
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