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Antideutsche Haltung?
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Muhammet Mertek

Paradoxe Entwicklung bei türkischen Kindern in Deutschland

Aufgrund der aktuellen Diskussionen rund um die sogenannte Deutschenfeindlichkeit unter den hier lebenden türkischen und arabischen Kindern möchte ich einen 1999 von mir veröffentlichten Artikel erneut aufgreifen. (Siehe hierzu: Die Fontäne, Nr. 5, September 1999) Dort machte ich bereits auf genau die jetzt eingetretene problematische Entwicklung unter Migrantenkindern aufmerksam. Zugleich verwies ich auf die menschlichen und sozialen Ursachen dieser unerwünschten Haltung. Inzwischen hat sich meine Ursachenanalyse bewahrheitet. Denn Wilhelm Heitmeyer diagnostizierte in einer Langzeitstudie (Deutsche Zustände: 2000-2005), dass in der deutschen Gesellschaft eine ‚gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit‘ vorherrscht, von der insbesondere Muslime betroffen sind.

Offensichtlich schlägt sich diese Menschenfeindlichkeit mittlerweile in einer antideutschen Haltung nieder. Denn Schüler machen in ihrem schulischen Umfeld Erfahrungen, die sie negativ beschreiben und auf die sie reagieren. Konkret bedeutet dies, dass türkischstämmige Schüler mit ungerechter und vorurteilsbeladener Behandlung von Seiten deutscher Lehrer und Schüler konfrontiert sind, die sich nachhaltig auf ihr weiteres Leben auswirken.

Einige Auszüge aus dem vor 11 Jahren verfassten Artikel sind folgende:

„Die türkischen Schüler haben jetzt weniger Sprach- und Integrationsprobleme, sondern vielmehr Probleme im Bereich von Akzeptanz und Diskriminierung.“

„Nach diesen Angaben kann man leicht feststellen, dass die Probleme der türkischen Kinder im Erziehungs- und Bildungsbereich in Zukunft öfter auf die Tagesordnung kommen werden.“

„In diesem Zusammenhang möchte ich aber nur auf eine neue Entwicklung und deren Ursachen hindeuten. Meinen Beobachtungen nach fühlen sich immer mehr türkische Schüler an deutschen Schulen unsicher und diskriminiert. Zusammen mit fehlenden Kenntnissen über ihre eigene Kultur, Religion, Muttersprache und Geschichte (Identitätsproblematik) führt diese Diskriminierung sie zu einem Paradox: einem äußerlichen Nationalbewusstsein. Bei dessen Entstehung spielt der Umgang der deutschen Kinder und Lehrer mit den türkischen Kindern eine bedeutende Rolle. Werden die Unterschiede in Kultur und Religion problematisch wahrgenommen, entsteht mit der Zeit bei türkischen Kindern das Gefühl der Überempfindlichkeit und eine ‚antideutsche‘ Haltung. In Zukunft kann diese Entwicklung sogar zum Zusammenbruch des Miteinanderlebens und des Friedens in der Gesellschaft führen. Die Kinder fühlen sich hier nämlich nicht mehr als ‚Ausländer‘, sondern ‚einheimisch‘, da sie hier geboren und aufgewachsen sind. Dieses Faktum müssen die Deutschen zur Kenntnis nehmen. Wenn in jedem Unterricht der Respekt vor der anderen Kultur, Religion und Mentalität und die Bedeutung des Dialogs und der Toleranz thematisiert und behandelt werden, dann kann das vielleicht zu einem guten Umgang der deutschen Schüler mit ‚ausländischen‘ und zur Wahrnehmung der Gefühle und Mentalität der türkischen Kinder führen. Das soll natürlich auf Gegenseitigkeit beruhen.“

Hier kann festgehalten werden, dass Migrantenkinder vor 11 Jahren als ‚Ausländer‘ ausgegrenzt wurden, heute dagegen als ‚Muslim‘, ‚Migrant‘ usw. Die Begrifflichkeiten haben sich im Laufe des letzten Jahrzehnts verändert, doch Haltung und Mechanismen der Diskriminierung sind die gleichen geblieben.

„Es hat natürlich Gründe, dass die türkischen Kinder die oben aufgeführten Äußerungen zu hören bekommen. Es stimmt, dass einige in vielen Alltagssituationen - sowohl in schulischen als auch in außerschulischen - auffallendes Verhalten zeigen.“

„Die bestehenden Verhaltensauffälligkeiten sind aber zum einen das Resultat einer fehlenden familiären und gesellschaftlichen Erziehung und zum anderen des Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit ihren muslimischen Minderheiten. Wir können darüber stundenlang sprechen und müssten dies eigentlich auch tun, weil es sich bei diesem Punkt um das Kernproblem handelt, das spätere Konfliktsituationen hervorruft und fördert und zu einer immer größer werdenden und im Extremfall nicht mehr kontrollierbaren Spirale wird. Doch das allein löst noch nicht die psychischen und sozialen Probleme, die sich in einem langen Prozess entwickelt haben.“

Zur Lösung des Problems sei hier angemerkt, dass viele Kinder in der Schule erste negative Erfahrungen machen, die das gemeinsame Miteinander und den Respekt voreinander verletzen und Vorurteile fördern. Die Gesellschaft ist ja wie ein kristallenes Gefäß, in dem das Kind die Flüssigkeit ist; sie gibt ihm Form und Färbung. Die Schule ist ein Abbild der Gesellschaft. Um die Probleme der Gesellschaft nicht in die Schule hineinzutragen bzw. um diese Probleme dort zu bewältigen, müssen deutsche und türkische Eltern in den Bildungsinstitutionen zusammenarbeiten. Daran führt kein Weg vorbei, und das müssen die zuständigen Verantwortlichen auch fördern.

Weiterhin müssen Probleme oder Konflikte zwischen Türken und Deutschen an den Schulen offen und konsequent diskutiert werden. Dabei empfiehlt sich eine anpackende Handhabung. Zum Beispiel könnte die Thematik in einer breit angelegten Podiumsdiskussion in der Schule behandelt werden. Dort ließen sich Probleme argumentativ benennen und zugleich konkrete Lösungen von und für die betroffenen Schüler erarbeiten. Die Verantwortlichen sind nun am Zuge, die lange überfällige notwendige Plattform zu schaffen. Auch die Sanktionierung des Gebrauchs der türkischen Sprache in den Pausen, die einige Schulen durchsetzen wollten, könnte auf so einer Veranstaltung auf der Tagesordnung stehen. Sie stieß bei den türkischstämmigen Schülern auf Widerstand und Ablehnung, weil sie als Eingriff in die Persönlichkeitsrechte verstanden wurde. Würde diese Problematik aber - wie es in demokratischen Gesellschaften üblich und möglich sein sollte - in einer offenen (Podiums-)Diskussion erörtert werden, könnten Schüler und Lehrer gemeinsam einen Beschluss fassen, den dann alle mittragen und unterstützen.

Natürlich gibt es auch positive Entwicklungen und wirklich gute Freundschaften zwischen deutschen und türkischen Kindern. Mein Anliegen besteht vor allem darin, einen Zusammenhang herzustellen zwischen den realen und so empfundenen Problemen der türkischstämmigen Kinder an den Schulen einerseits und der antideutschen Haltung, die ihnen in jüngster Zeit in den Medien immer wieder attestiert wurde andererseits. Außerdem habe ich den Eindruck, dass die gesamtgesellschaftlichen Probleme samt ihrer komplexen Ursachen zurzeit sehr oberflächlich auf die Muslime projiziert und höchst polemisch auf deren Rücken ausgetragen werden. In derart einseitigen und gehässig geführten Diskussionen finden sich die Muslime nicht wider. Vielmehr dienen sie allein der Zuspitzung der Haltung ‚Jeder gegen Jeden‘ und sind für Annäherung und Miteinander alles andere als förderlich.

Auseinandersetzungen zwischen türkischen und deutschen Schülern dürfen aber nicht allzu schnell als Resultat einer antideutschen Haltung bewertet werden. Das wäre eine verkürzte und verzerrte Wahrnehmung und zugleich eine Überbewertung von Jäusterstreitereien.

Die antideutsche Haltung resultiert aus negativen Erfahrungen seit dem Kindergartenalter mit dem deutschen Umfeld mit der Folge, dass eine innere Distanz- bzw. Abwehrhaltung eingelegt wird zu allen Dingen, die mit Deutschsein zu tun hat. Mit dieser inneren Abwehr versucht man die eigene Ohnmacht zu kompensieren und sich selbst zu schützen. Es ist aber nicht zu verwechseln mit einer Haltung, die in Gewalt ausartet, vielmehr ist es eine passive Abwehrhaltung, die den anderen nicht mehr als sympathisch empfinden kann.

Es ist leider zu beobachten, dass türkische Jugendliche auch allzu schnell ihre negativen Erfahrungen verallgemeinern und diese Antihaltung beibehalten. Was aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass diese zum Glück weiterhin nicht allzu sehr verbreitet ist. Wie vor 11 Jahren auch formuliert müssen wir gemeinsam Hand in Hand dieser Entwicklung entgegenwirken, indem diese negativen Erfahrungen minimiert werden, werden sich auch reaktionäre Haltung reduzieren.

15. Oktober 2010

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