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Dem Deutschen Volke: Hysterie
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Muhammet Mertek

Meine deutschen Freunde mögen mir verzeihen, aber ich habe wirklich keinen anderen Begriff gefunden, mit dem ich die öffentlichen Diskussionen und die Stimmung in der deutschen Bevölkerung der letzten Tage besser beschreiben könnte, als den folgenden: Hysterie.

Der Begriff Hysterie ist ein psychologischer Fachbegriff und bezeichnet neurotische Störungen, eine Vielzahl geistiger Verwirrungen, Krämpfe und nervöse Kontraktionsstörungen. Offenbar wurde den Deutschen eine hohe Dosis Paranoia und Angst injiziert. Sonst hätten die gegenwärtigen Debatten nicht ein solch hysterisches Ausmaß annehmen können.

Die Sarrazin-Thesen finden eine Resonanz, die schier unglaublich anmutet. Ohne auf einzelne positive oder negative Punkte weiter einzugehen, sind diese Thesen in einem Punkt zu 100 Prozent erfolgreich gewesen: Das Wort „Scheißtürke“ lässt sich seither leichter in den Mund nehmen, und diejenigen, die dies tun, dürfen sich dazu ermutigt fühlen.

Hier treibt jemand ein übles Spielchen mit dem deutschen Volk, wodurch es seine Immunität gegen noch wirksamere Manipulationen zu verlieren droht. Selbst wenn kein einziger Türke in Deutschland vernünftiges Deutsch sprechen würde: Eine türkische Bevölkerung von ca. drei Millionen in Deutschland plus Millionen Türken in der Türkei und aller Welt zu verletzen, zu beleidigen und auszugrenzen, ist mit keinem Argument zu rechtfertigen.

Seit Tagen werden auch in den (Staats-)Kanälen ARD, ZDF und WDR Sendungen über die Integration der Türken und den Islam ausgestrahlt. Und wenn man sich diese Sendungen anschaut, die weit entfernt von jeglichen wissenschaftlichen und humanitären Kriterien sind, traut man seinen Ohren kaum. Pauschalisierungen noch und nöcher: Über jugendliche Muslime, die umso gewalttätiger sein sollen, je religiöser sie sind, oder über türkische Eltern, die ja grundsätzlich kein Deutsch sprechen. Gleichzeitig beklagt man sich über die erschreckenden Vorurteile und Verblendungen der Türken. Ich finde einfach keine Worte dafür, dass dies in einer aufgeklärten (!) Gesellschaft wie Deutschland möglich sein soll, die sich doch sogar schon in der Postmoderne wähnt.

Und als ob Sarrazins Beleidigungen noch nicht genug gewesen wären, wird nur wenig später eine Dame ins Rampenlicht geführt, die ein Buch in der Hand hält mit dem Titel: ‚Die große Verschleierung. Für Integration, gegen Islamismus‘. Nachdem der Große Germane bereits herausgefunden hatte, dass die Türken genetisch bedingt integrationsunfähig sind, wird jetzt vor der Infiltration des deutschen Staates durch die Muslime gewarnt. Was von dem Begriff Infiltration zu halten ist, formulierte der ehemalige Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, Prof. Dr. Ernst Gottfried, sinngemäß einmal so: „Aus Angst davor, es könnte unseren Staat übernehmen, haben wir einem Volk einmal alles Mögliche angetan. Insofern halte ich die Verwendung dieses Begriffs für sehr gefährlich.“

Die erlogenen Etikettierungen in diesem Buch steigern die Hysterie der Deutschen noch, sie ertrinken förmlich darin. Uns dagegen bleibt nichts anderes übrig, als unseren Krug mit Geduld zu füllen, damit wir nicht verrückt werden. Es besteht wohl leider kein Zweifel daran, dass sich auch Alice Schwarzer mit Unterstützung der Medien die Tasche füllen wird. Wenige Wochen vor der Frankfurter Buchmesse ist es anscheinend sehr lukrativ, ein reichliches Angebot an Büchern zu den Themen Integration und Islam im Sortiment zu haben.

Ich hatte Sarrazins Thesen zunächst für Geschwätz eines Verirrten gehalten und ihnen deshalb keine große Bedeutung beigemessen. Doch wenn man sieht, welchen Nachhall diese Thesen vor allen Dingen in der Mittelschicht der Mehrheitsgesellschaft finden und wie diese Thesen dann rasch weitergesponnen und auf andere Felder ausgedehnt werden, wird ganz deutlich, dass die Muslime wieder einmal als Zielscheibe herhalten müssen. In vielerlei Hinsicht lässt sich hier von kulturellem Rassismus sprechen. In Wirklichkeit handelt es sich hier nicht um eine Debatte über die Integration, sondern um einen Angriff gegen die türkische Kultur, Sprache und Identität, der ganz bestimmt nicht der Integration dient, sondern Segregation fördert.

Bei solchen Veröffentlichungen und so verhärteten Standpunkten fällt es uns schwer, zum Ausdruck zu bringen, was unsere Gedankenwelt, unsere Spiritualität und unsere Qualitäten eigentlich ausmacht. Wie können wir all dies einem Volk begreiflich machen, das von einer Hysterie befallen ist, deren Triebkräfte Angst und Paranoia sind? Ein Vorurteil zu entkräften, ist ja bekanntlich schwieriger, als ein Atom zu spalten. Nichtsdestotrotz werde ich mich auch weiterhin nicht davon abhalten lassen, unsere positiven Werte, für die sicherlich auch die Mehrheitsgesellschaft Verwendung hätte, weiter zu vertreten und darzulegen. Denn im Grunde macht es uns doch alle sehr traurig, dass unsere gemeinsame Gesellschaft offensichtlich in einem Teufelskreis gefangen ist, der uns keinen Schritt voranbringt. Folgende Verse von Marie von Ebner-Eschenbach beschreiben die Situation meiner Meinung nach recht treffend:


Das eilende Schiff, es kommt durch die Wogen
Wie Sturmwind geflogen.

Voll Jubel ertönt's vom Mast und vom Kiele:
„Wir nahen dem Ziele.“

Der Fährmann am Steuer spricht traurig und leise:
„Wir segeln im Kreise.“

24. September 2010

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