|
Muhammet Mertek
Auf der politischen Tagesordnung bekommt der Islam gerade wieder einmal seinen üblichen Platz zugewiesen. Wir erleben interessante Entwicklungen. Terry Jones, Pfarrer einer kleinen Kirche in Florida, hatte angekündigt, anlässlich des 11. Septembers den Koran zu verbrennen. Aufgrund heftiger Proteste seitens einiger Soziologen, Politiker und Islamkenner hat er dann aber zumindest vorläufig darauf verzichtet.
Zu den Mahnern zählte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Zeitgleich jedoch zeichnete sie den Muhammad-Karikaturisten Kurt Westergaard an der Universität Potsdam mit dem Medienpreis Award 2010 aus. Diese Ehrung wollte sie als Beleg für die Presse- und Meinungsfreiheit in Europa verstanden wissen. Mit anderen Worten: Die Verbrennung des Heiligen Korans ist also zu verurteilen, die Beleidigung des Propheten Muhammad hingegen ein Beleg für die Meinungsfreiheit. Ist das denn nicht paradox?
In dieser Haltung offenbart sich die außerordentlich widersprüchliche Wahrnehmung des Islams und der muslimischen Empfindlichkeiten in der westlichen Welt. Und wo sollen wir angesichts dessen nun Merkels Kritik an Sarrazin einordnen? Warum hat die Bundeskanzlerin dessen Thesen eigentlich nicht auch der Kategorie Meinungsfreiheit zugeordnet?
Als mögliche Folge der Verbrennung des Korans wird von westlichen Politikern davor gewarnt, dass es vermehrt zu terroristischen Anschlägen auf deutsche und amerikanische Soldaten kommen könnte. Was wir hingegen nicht gehört haben, ist, dass die Verbrennung des heiligen Buchs der Muslime gegen die Menschlichkeit verstieße, den Weltfrieden behindere oder mit den Werten der europäischen Zivilisation unvereinbar wäre. Hier zeigt sich sehr deutlich, wie weit verbreitet die Philosophie des Utilitarismus, des Eigennutzes, ist.
Merkels Kritik an der Verbrennung des Heiligen Korans könnte auch als Reflex gedeutet werden; schließlich wurden ja auch in der deutschen Geschichte schon heilige Bücher verbrannt. Doch unabhängig davon ist es in jedem Fall ein Widerspruch in sich, wenn sie einerseits den Muhammad-Karikaturisten, der den Propheten Muhammad beleidigt und damit die Muslime weltweit gekränkt hat, ehrt und lobt, andererseits aber einen Priester dafür kritisiert, den Heiligen Koran zu verbrennen. Wenn Merkel den Karikaturisten als einen herausragenden Anwalt der Meinungs- und Pressefreiheit lobt, dann verspielt sie damit das Vertrauen, das sie bei den Muslimen bisher genossen hat.
Auf folgende Frage hätte ich gern einmal von deutschen Staatsvertretern eine Antwort: Wenn Artikel 1 des Grundgesetzes doch besagt, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, und die Muslime jegliche Beleidigung des Propheten Muhammad, den sie mehr lieben als ihr eigenes Leben, als eine Verletzung ihrer Würde wahrnehmen - verstößt dann eine so verstandene Presse- und Meinungsfreiheit nicht gegen die Verfassung? Jedenfalls kann es keinen Zweifel daran geben, dass den Muslimen der Prophet Muhammad genauso heilig ist wie der Koran. Er ist es, der ihnen den Koran überbracht hat, er ist die Personifikation des Korans.
Das Problem einer solch einseitigen Betonung der Presse- und Meinungsfreiheit auf Kosten der unantastbaren Menschenwürde wurzelt offenbar in der verbreiteten säkularen Mentalität. Trotzdem stellt sich die Frage, ob es wirklich legitim ist, dass unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit Heiligtümer (gleich welcher Religion) verhöhnt werden?
Ein entsprechendes Vorgehen könnte doch genauso gut als gezielte Provokation interpretiert werden. Man könnte dem Karikaturisten wohl mit einigem Recht vorwerfen, dass er genau weiß: Bestimmte muslimische Kreise werden meine Arbeiten als einen Angriff auf ihre Würde wahrnehmen. Sie werden sich also dazu veranlasst sehen, auf den Straßen zu protestieren und Gewalttaten zu begehen. Und in der Tat untermauern einige Vorkommnisse in Pakistan, Afghanistan und diversen arabischen Ländern diese These.
Merkels Reaktion auf die Verbrennung des heiligen Korans wirkt nicht glaubwürdig. Ihr Ziel - die Verhinderung - mag positiv sein, doch ihr ganzes Vorgehen in der Angelegenheit ist eher konfus. Wir Türken fragen uns hier: „Was für ein Kartoffelsalat ist das denn?“ - oder, zu Deutsch: „Was für ein Kuddelmuddel!“
Wie dem auch sei, die Muslime sind mehr denn je dazu aufgerufen, ihre Tugenden und Werte auf die bestmögliche Weise und mit gesundem Menschenverstand zu repräsentieren. Die islamische Welt hat in der Vergangenheit bereits oft genug bewiesen, dass sie dazu in der Lage ist.
16. September 2010
Weitere Artikel des Autors
|