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Muhammet Mertek
Für die einen ist der interreligiöse Dialog ein magischer Schlüssel, der verschlossene Türen öffnet, für die anderen ist er mehr so etwas wie ein Zugeständnis. Freilich, der Mensch ist ein soziales Wesen, das normalerweise gern mit anderen Menschen kommuniziert, das auf die Kontaktaufnahme zu seinen Mitmenschen angewiesen ist. Egal aus welcher Kultur Menschen abstammen - wer sollte etwas dagegen einzuwenden haben, wenn sie sich unterhalten, Gedankenaustausch betreiben, einander näher kennen lernen und Vereinbarungen treffen? Selbstverständlich niemand, solange sich die Beteiligten in einem respektvollen und toleranten Rahmen bewegen.
Der Begriff Dialog ist heute in aller Munde, wenngleich unterschiedliche Menschen unterschiedliche Dinge darunter verstehen. Inzwischen haben viele gesellschaftliche Gruppen und Einzelpersonen alle Voreingenommenheit und Vorurteile hinter sich gelassen und sprechen endlich miteinander statt immer nur übereinander.
Gemeinsame Probleme verlangen nach gemeinsamen Lösungen. Daher gibt es nichts natürlicheres, als dass man sich an einen Tisch setzt und darüber berät, was man in Zukunft besser machen könnte. Ein nicht zu vernachlässigender Faktor dabei ist, von wem die Initiative ausgeht. Denn wer den Tisch deckt, bestimmt auch die Atmosphäre der Gespräche und die Tagesordnung.
Wenn hier vom interreligiösen Dialog die Rede ist, gehört dazu viel mehr als nur der muslimisch-christliche Dialog oder der Dialog zwischen Moschee und Kirche. Zum einen kann für Gespräche natürlich die institutionelle Ebene gewählt werden; mindestens ebenso effektiv sind aber persönliche Begegnungen zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. Zum anderen müssen solche Gespräche und Begegnungen auch nicht unbedingt auf einer religiösen Grundlage stattfinden. Es geht darum, Verbindungen zu allen einflussreichen Personen aus allen Institutionen und Gesellschaftsschichten Beziehung knüpfen.
Die nähere Vergangenheit hat gezeigt, dass Dialogbestrebungen von allen Seiten begrüßt und von vielen Seiten forciert wurden. Bedauerlich ist aber, dass dabei kaum gemeinsame Projekte verschiedener Institutionen auf die Beine gestellt wurden. Wir mussten erkennen, dass wir uns noch am Anfang des Weges befinden. Offenbar geht es zunächst einmal darum, dass wir unsere Dialogpartner kennenlernen, dass wir versuchen, uns in sie hineinzuversetzen. Ein gemeinsames Ziehen an einem Strang und ein promptes harmonisches Handeln wäre wohl zu viel verlangt. Wir können sogar mit Institutionen in den hintersten Ecken in den Dialog treten, um über Themen wie kulturelle Werte, Religion, soziale Probleme, Erziehung, Kunst des Zusammenlebens, Religion und Wissenschaft, Terror usw. Informationsabende zu veranstalten.
Wenn wir türkischen Muslime uns mit Deutschen über all die Vorurteile unterhalten möchten, mit denen der Islam und die Muslime in westlichen Gesellschaften immer wieder konfrontiert sind und die uns das Leben hier schwer machen, sollten wir uns dabei unserer historischen Erfahrungen bedienen. Wir sollten Reife erkennen lassen und offen und aufrichtig gewissermaßen den Tisch decken. Wir sollten unsere Menschlichkeit, Selbstlosigkeit und Gastfreundlichkeit unter Beweis stellen. Wir sollten unsere Gäste herzlich empfangen, auch wenn sie noch so voreingenommen sind. Wenn unsere Liebenswürdigkeit und Aufgeschlossenheit ihnen, auch nachdem sich unsere Wege wieder getrennt haben, noch im Gedächtnis bleibt, ist das schon sehr viel wert. Solange wir aber zusammen sind, sollen sie nicht merken, wie die Zeit vergeht, und keinen Gedanken an das Ende des gemeinsamen Zusammenseins verschwenden. So wie ein deutscher Richter in Berlin beim Symposium ‚Dialog der Kulturen als europäische Chance‘ voller Bedauern sagte: „Warum muss diese Veranstaltung nur jetzt schon zu Ende sein?!
Ein Dialogtisch muss gar nicht prunkvoll gedeckt und aufgemacht sein. Er kann schlicht sein wie ein Tisch in einem anatolischen Dorf, dafür aber phantasievoll gestaltet. Es reicht, wenn es nach Anatolien riecht. Nach Tapferkeit und Dankbarkeit soll es riechen. Im Idealfall steigen von ihm die Düfte der universellen menschlichen Werte auf, die in abendländischen Gesellschaften herbeigesehnt werden wie Luft und Wasser. In diesem Sinne besteht der Dialog nicht nur aus Gesprächen, sondern hinterlässt auch auf andere Weise einen bleibenden Eindruck vom Gegenüber bei den Dialogpartnern.
Wichtig ist, wie wir den Tisch decken und wie es uns gelingt, gemeinsame Standpunkte in den Mittelpunkt zu stellen, sodass sich eine gemeinsame Identität und ein einträchtiger Charakter bildet. Eine positive Ausstrahlung, Optimismus und jene Seite des Menschen, die die der menschlichen Natur innewohnenden Werte verinnerlicht hat, färben auf die Dialogpartner ab und geben immer neue Anregungen. Jede Angst ist fehl am Platze, es geht um Begegnung und Austausch mit anderen Menschen, die unsere Mitmenschen sind.
In den letzten Jahren wurde viel über den Dialog geschrieben. Welchen Einfluss der Dialog aber auf die Dialogpartner und ihre Identität ausübt, blieb dabei leider weitgehend unbeachtet. Das ist sehr schade, denn gerade hier sind doch wichtige Erkenntnisse zu erwarten. Jeder Dialog baut im Allgemeinen auf dem Fundament des gegenseitigen Kennenlernens und Verstehens auf. Um unser Gegenüber überhaupt verstehen zu können, müssen wir ihn kennen, und um ihn kennen zu können, müssen wir ihn erst einmal kennenlernen. Möglich ist dies nur über einen Dialogprozess. Allen Erfahrungswerten nach zu urteilen, kann ein Dialog, dem das Fundament aus Kennenlernen und Verstehen fehlt, ebensowenig ertragreich sein wie ein Dialog, der nicht von Aufrichtigkeit und Offenheit gekennzeichnet ist. Ziel des Dialogs ist auch, sich selbst über das Verstehen des anderen zu definieren.
Kinder beginnen ihre Reise ins Leben, indem sie mit ihren Eltern kommunizieren. Gott tritt über die Heiligen Schriften und seine Propheten in einen Dialog mit den Menschen, die Ihm ihrerseits durch ihre Gebete antworten. Auch unser Prophet hat auf unterschiedlichen Ebenen mit seinen Gefährten und den Nichtmuslimen gesprochen, um ihnen seine Botschaft verständlich zu machen. Im Grunde genommen konnten schon Adam und Eva auf Dialog nicht verzichten. Ohne Dialog mag es zwar Wissen geben. Ein solches Wissen dringt aber nicht auf die menschliche Gefühlsebene vor. Echtes Kennen und Verstehen von fremden Menschen und deren Sitten und Standpunkten ermöglicht einzig und allein der Dialog, von dem auch unsere eigene Identität nicht unbeeinflusst bleibt. Erst der Dialog bietet Raum für Begegnung und Kommunikation, nur er schafft überhaupt erst die Voraussetzung für ein Zusammenleben. Denn Dialog entschärft Spannungen. Dialog steht für Frieden in der Gesellschaft und zwischen den Individuen. Dialog sendet Botschaften des Friedens aus. Dialog schenkt uns die Möglichkeit, die Lebens- und Glaubenswelten unserer uns sonst so fremden Mitmenschen kennenzulernen. Dialog hilft, Vorbehalte auszuräumen und Toleranz in den Bereichen Kunst und Kultur zu entwickeln. Dialog räumt auf mit Vorurteilen. Und Vorurteile sind die höchsten Mauern zwischen den Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. Vorurteile erzeugen ein Klima der Angst. Wenn schon nicht ganz abgeschafft oder gebrochen, so sollten sie doch durch persönlichen Kontakt, gemeinsame Begegnungen und gegenseitiges Kennenlernen zumindest auf ein Minimum zurechtgestutzt werden. Was Nichtwissen oder ein falsches Wissen bewirken können, sieht man sehr gut am Beispiel der Kreuzzüge, die gerade auf diesen Faktoren beruhten und so viel Leid und Elend über die Menschen brachten.
Eine ganz besondere Art des Dialogs ist das Bereisen fremder Länder. Im türkischen Fernsehen lief vor kurzem eine Sendung namens die ‚Die Früchte des Dialogs‘. Dort schilderten einige Amerikaner - genauso gut hätten es aber auch Westeuropäer sein können - ihre Eindrücke einer Istanbulreise im Rahmen eines Dialogprojekts:
„Ich kann mich an den Augenblick des ersten Gebetsrufs erinnern; wir standen gerade direkt am Sockel eines Minaretts. Als ob dieser Ruf alles durchdrang. Er schien aus dem Innersten des Rufers aufzusteigen und hat mich zutiefst beeindruckt. Sein mystischer Aspekt war eindeutig. Allein diese Stimme war so emotional, dass ich fasziniert innehielt und ihr lauschte. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Dieser Ruf war so verbindend. Es war mir sofort klar, dass er die Menschen zum gemeinsamen Gebet einlud. Wenn man ihn fünfmal am Tag hört, verschwindet Gott nicht aus den Gedanken. Der Gebetsruf lässt uns Gott jederzeit gegenwärtig sein.“
„Als Amerikaner dachte ich immer, alle seien Moscheen so groß wie die Hagia Sophia oder die Blaue Moschee. Die Moschee, die wir besuchten, war aber klein, gerade 20 Personen passten hinein, und sie war schlicht. Sie war an einem Ort der Armen. Weil sie in so einer stillen und armen Gegend lag, hat mich das sehr beeindruckt. In den Augen der Betenden war dieser Ort genauso wertvoll wie die Hagia Sophia.“
„Als ich zum ersten Mal eine Moschee betrat, beobachtete ich vom Platz für Frauen aus, wie die Männer beteten, und mir stiegen Tränen in die Augen. Ich hätte nicht gedacht, dass mich das so beeindrucken könnte.“
„Ich habe vier Jahre lang in Deutschland gelebt und ganz Europa bereist. Ich habe die schönsten Kathedralen der Welt gesehen, etwa das Rosenfenster der Notre Dame und die Sainte Chapelle ÅžSapel in Paris. Aber eine schönere Architektur als die der Blauen Moschee (Sultan Ahmet Moschee) habe ich nie zuvor gesehen. Was sonst hätte ich dort anders machen sollen, als meine Schuhe auszuziehen und zu beten?“
Durch den Dialog mit Menschen, die ihre Gefühle auf Reisen mit uns teilen, lernen wir auch Gaben neu zu schätzen, deren Wert uns vorher nicht so bewusst war. Wir lernen also nicht nur unser Gegenüber, sondern auch uns selbst besser kennen. Unsere Dialogpartner lassen uns auch mit unserer eigenen Kultur und Geschichte und mit unseren traditionellen Werten in Dialog treten. Dieser Dialog prägt unsere soziale Identität. Und unsere soziale Identität bildet im Zusammenspiel mit unserer individuellen Identität unsere eigentliche ‚Kernidentität‘. Anders ausgedrückt: Unsere Identität besteht aus der Summe unserer Eigenschaften, die uns von anderen Menschen unterscheidet. Der Dialog hilft uns, unseren Standort zu bestimmen: Jeder Mensch verspürt das natürliche Bedürfnis, sich verständlich zu machen und anderen Menschen - in diesem Fall unseren Dialogpartnern - mitzuteilen, wenn man die eigene Kultur kennt. Dies geht aber nur, wenn man weiß, wo man steht. Hier setzt der Dialog also auch Anreize, die eigene Kultur und Herkunft besser kennen zu lernen, und entfaltet so eine ganz neue Dynamik. Auf diese Weise wird auch das Selbstbewusstsein gestärkt.
Das gegenseitige Kennenlernen im Dialog ist ein Prozess, an dessen Ende Einfühlungsvermögen und Vertrautheit stehen. Die Partner können die Empfindlichkeiten ihres Gegenübers nachvollziehen und wissen nun, dass sie ihn so akzeptieren müssen, wie er ist.
Der in den letzten Jahren immer schneller werdende soziale Wandel in den europäischen Gesellschaften, zu denen ich auch die türkische zählen möchte, hat traditionelle Bindungen, Normen und Vorgaben der Lebensführung stark geschwächt. Der moderne Mensch hat es immer schwieriger einen Lebensraum, eine Nische für sich zu finden. Viele von uns haben ihre Identität verloren. Darunter haben gerade Jugendliche zu leiden.
Im Unterschied zu früher wird die Identität inzwischen nicht mehr in erster Linie durch die universellen Werte geprägt, die im Elternhaus und in der Gesellschaft vorgelebt werden, sondern von den Medien und der Konsumgesellschaft, die Werte nach eigenem Gutdünken oder sogar Wertlosigkeit propagieren. Dabei sind Werte doch so wichtig - für alle Menschen, aber besonders für diejenigen, die in einer Diaspora oder in einer fremden Kulturlandschaft leben. Ein Mangel an Werten erschwert die Identitätsbildung und Identitätsentwicklung, was sehr gut etwa an türkischen Jugendlichen in Deutschland zu beobachten ist. Identitäten, die von den Medien vorgegeben werden, übernehmen quasi die Funktion von Überidentitäten.
Im Türkischen wie auch im Deutschen gibt es die Redewendung, „Höre auf dein Gewissen!“ Ich verstehe darunter, dass der Mensch bedeutende Schritte in seiner Entwicklung hin zu einem reifen und vollkommenen Menschen machen kann, indem er beginnt, mit seinem Gewissen, mit Familienmitgliedern, mit fremden Menschen, mit der Natur und mit dem Schöpfer in einen Dialog zu treten. Damit wird er nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Mitmenschen und Mitgeschöpfen einen Gefallen tun und sie positiv beeinflussen. Setzen wir uns also dafür ein, ‚Friedensinseln‘ zu schaffen, auf denen schöne Traditionen, kulturelle Werte, Sprach- und Geschichtsbewusstsein, enge Familienbande gelebt werden.
13. September 2010
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