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Muhammet Mertek
Die negativen Ergebnisse der Untersuchungen über Integration, Bildung, Gewalt und Jugend wurden all die Jahre unter dem ethnischen Aspekt betrachtet, und es waren die Türken, die meistens als Sündenbock herhalten mussten. Die Integrationsdebatten haben die Migranten nur noch weiter ausgegrenzt. Und in einer neuen, auf europäischer Ebene durchgeführten Studie hat nun die Hälfte der befragten Türken ihrem Unmut über diese Ausgrenzung Luft gemacht.
Was bedeutet es da noch, wenn die Bild-Zeitung schreibt: „Wir sind stolz auf die ausländischen Akademiker in Berlin“? Sollen etwa die Akademiker in Deutschland bleiben und die anderen verschwinden? Selbst wenn mit solchen Überschriften eine positive Entwicklung aufgezeigt werden soll, diskreditiert man damit die anderen. Es würde ausreichen, diese Akademiker einfach als ganz normale Teile der Gesellschaft wahrzunehmen. Da bedarf es keiner weiteren Attribute.
Solange die türkischstämmigen Menschen nicht als Einheit betrachtet werden und solange ihre Existenz in Deutschland nicht ehrlich akzeptiert wird, werden sie auch kein vollständig ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl entwickeln können. Ein türkisches Sprichwort lautet: Taub und Blind bewirten sich gegenseitig. Die aktuelle Integrationspolitik geht nicht über diesen Punkt hinaus.
Eine Studie des ‚Instituts für Zukunfts- und Organisationsforschung‘ zum Thema Integration widmet sich genau diesem Problem. Dort heißt es, dass 38,5 Prozent der befragten türkischen Studenten an deutschen Universitäten in die Türkei auswandern möchten. 42 Prozent der potentiellen Auswanderer geben als Grund ihr nicht vorhandenes Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland an. 21 Prozent möchten ihres Berufes wegen in die Türkei.
Solange sich die Haltung der deutschen Politik und gewisser öffentlicher Kreise nicht verändert, wird diese Entwicklung anhalten. Begünstigt wird sie noch dadurch, dass das Bruttosozialprodukt der Türkei scheinbar unaufhaltsam steigt. Für mich steht fest: Wenn das Durchschnittseinkommen in der Türkei die 15.000 Euro-Grenze durchbricht, werden wir miterleben, wie die deutschen Behörden die Türken hierzulande anflehen: „Bitte, verlasst uns nicht!“
Der Wunsch auszuwandern ist nicht nur bei Akademikern und Studenten zu beobachten, sondern auch bei den türkischstämmigen Schülern. Sie sehen Deutschland nicht (mehr) als ihre Heimat an. Dabei ist Deutschland doch zweifellos auf Migration angewiesen. Schon jetzt herrscht Mangel an qualifiziertem Arbeitspersonal. In den nächsten fünf bis sechs Jahren gehen Tausende von Lehrern in Rente. Doch nicht nur dort, in vielen Branchen müssen entsprechende Lücken gefüllt werden. Hinzu kommt, dass Migranten die Gesellschaft im Gleichgewicht halten. Was würde denn passieren, wenn ein großer Teil der 500.000 türkischen Schüler die Schulen verließe? Viele Schulen müssten geschlossen werden, und damit würden auch viele Lehrer ihre Arbeit verlieren. Auf ähnliche Konsequenzen für das Gesundheitssystem, die Versicherungsbranche oder den Arbeitsmarkt möchte ich gar nicht erst eingehen. Hinzu kommt, dass nicht nur Migranten auswandern, sondern auch etliche Deutsche. Allein 2007 sind bis zu 10.000 überwiegend qualifizierte Deutsche in die Schweiz übergesiedelt, weitere in andere Länder.
Nach dem 2. Weltkrieg konnte das zerstörte Deutschland binnen weniger Jahrzehnte wieder aufgebaut werden. Das Land wurde zum Technologiegiganten. Die Ordnung in den Straßen und der wohl strukturierte Alltag zeugen von kultiviertem Leben. Schon allein die deutsche Verfassung ist es wert, hier zu leben. Ein leider aber schwer erträgliches Problem sind die negative Einstellung und die mangelnde Sensibilität gegenüber den Migranten. Sie verstoßen gegen die Grundrechte der Menschen.
Der erste Artikel des Grundgesetzes besagt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Im Strafgesetzbuch §185, §186 und §187 wird definiert, welche Strafen auf Verstöße gegen diese Würde durch Beleidigung, üble Nachrede und Verleumdung stehen. Es gibt also in dieser Hinsicht klare Richtlinien. Und trotzdem läuft so einiges falsch.
Ich denke, es sollte sich lohnen, genau hinzuhören, wenn türkische Jugendliche ihre Unzufriedenheit artikulieren. Nur so wird zu verhindern sein, dass sich noch mehr von ihnen von Deutschland ab- und der Türkei zuwenden.
Ich bin mir sicher: Wenn die Deutschen die anatolische Kultur und die aus ihr abgeleiteten sozialen Kompetenzen erst einmal kennen und schätzen gelernt haben, werden sie nicht nur um der wirtschaftlichen Aspekte wegen schon bald sagen: „Bitte, verlasst uns nicht!“
07. April 2010
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