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Muhammed Mertek
„Wir sind ein säkulares Volk. Die Religion und die religiösen Werte dürfen und sollen im gesellschaftlichen Leben keinen Einfluss mehr haben und keine bestimmende Rolle mehr spielen.“ Einen Satz wie diesen bekommt man immer wieder zu hören.
Die Europäer und auch viele Deutsche wollen die soziokulturellen geschichtlichen Entwicklungen und Erfahrungen ihres Landes auf die Welt projizieren und ihre Werte überall in der Welt vertreten sehen. Sie denken, allein ihre eigene Geschichte und die religiösen Dogmen der Kirche seien für die Weltgeschichte relevant gewesen, und übersehen dabei, dass auch andere Faktoren eine Rolle gespielt haben.
Die Konfrontation der Kirche mit der Vernunft hat den Rationalismus, ihre Konfrontation mit der Frau den Feminismus, und ihre Konfrontation mit der Wissenschaft den Naturalismus und anderes kartesianisches Gedankengut hervorgebracht. Die Einheit des Verhältnisses Mensch - Universum - Schöpfer wurde nicht länger berücksichtigt. An ihre Stelle trat eine Wahrnehmung von Religion und Wissenschaft, die allein auf der Grundlage der reinen Vernunft basierte. Meines Erachtens ist es dieses falsche Paradigma über die Schöpfung und das menschliche Leben, das den individuellen und sozialen Problemen der Welt von heute zugrunde liegt.
Da die religiöse Wahrnehmung des westlichen Menschen aus der eigenen Geschichte der Kirche heraus entstanden ist, wird diese hierzulande generalisiert. Das heißt, es wird erwartet, dass alle anderen Religionen ebenfalls die gleiche Entwicklung durchlaufen müssen. Beispielsweise wird in der Auseinandersetzung mit dem Islam erwartet, dass dieser sich in den Bereichen Rationalismus, Naturalismus und Feminismus in gleicher Weise entwickeln möge. Man folgt der Logik, auch der Islam brauche seine eigene Aufklärung. Bevor diese nicht erfolgt sei, wird er als rückständig verurteilt und werden seine religiös-moralischen Werte durchweg abgelehnt. Dabei vergisst man allerdings, dass die islamische Welt eine ganz andere historische Entwicklung genommen hat. Denn der Islam hat sich nicht - wie die Kirche - gegen die Wissenschaft, die Vernunft und den Menschen (den freien Willen) gestellt.
Überall in den Gesellschaften des Westens wurde die Religion aus dem sozialen Leben des Menschen verbannt und durch Begierden und Gelüste ersetzt, denen man alsbald Priorität einräumte. Zudem denke ich, dass man die religiösen Werte, die Individuen wie Gesellschaften am Leben halten, mit den Prinzipien der Verfassung verwechselt hat, die den Menschen eine Rechtsordnung geben und die gegenseitigen Ansprüche und Rechte von Individuen und Gemeinschaften regeln sollen. Die einen geben dem Leben einen Sinn, die anderen definieren lediglich einen juristischen Rahmen für dieses Leben. Seit einem Jahrhundert schon versucht man zu belegen, dass auch säkulare Werte allein das Fortbestehen einer Gesellschaft sichern können. Doch der Beweis, wie diese die immer größer werdenden soziokulturellen Probleme lösen sollen, konnte bis heute nicht erbracht werden. Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit, Gleichgültigkeit, Kindesmissbrauch, Auflösung der Familie, Unmoral und Prostitution harren bislang ebenso vergebens einer Lösung wie Einbrüche, Sucht, Gewalt, Betrug, Todesangst und sämtliche damit verbundenen psychischen Probleme.
Das Hauptproblem besteht vielleicht darin, dass man religiöse Werte und die Gesetzgebung als unvereinbare Gegensätze betrachtet. Dass dies so ist, ist der historischen Auseinandersetzung der Kirche mit der staatlichen Autorität geschuldet - eine Auseinandersetzung, die der Islam in seiner Geschichte nicht ausgefochten hat. Der Islam verspricht dem Menschen, seine Schwierigkeiten zu bewältigen - durch ein Wertesystem, das sich auf Moral und Anstand sowie auf die menschliche Vernunft stützt -, und stellt ihm somit materielle und geistige Glückseligkeit in Aussicht. Weiterhin ermahnt der Islam die Muslime, Vereinbarungen - und somit auch dem Grundgesetz - gegenüber Loyalität zu zeigen und sie zu achten. Ein wahrer Muslim ist mit seinen Mitmenschen im Reinen und missbilligt jede Benachteiligung anderer Menschen. Er betet nicht nur um sein persönliches Wohlergehen zu Gott, sondern auch um das seiner Familie und aller Menschen. Er bittet nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere Menschen um Vergebung. Ein wahrer Muslim ist ein Mensch, der keiner Ameise etwas zuleide tut, geschweige denn einem Menschen. Mit anderen Worten: Muslime stehen nicht gegen das Grundgesetz, sondern stützen und stärken es über ihre moralische und ethische Haltung, die sich aus ihrer Religion ableitet.
Leider ist mir kaum eine Berichterstattung aus den deutschen Medien bekannt, die den Islam und die Muslime in diesem Licht sehen würde; doch ändert dies nichts an der Tatsache, dass Muslime durch den Islam dazu verpflichtet sind, nach außen hin zu zeigen, was ihre Religion ausmacht und welche Werte sie der Gesellschaft zu bieten hat.
Eine Studie, die kürzlich dem Innenminister vorgelegt wurde, zeigt auf, dass die Gewaltbereitschaft Jugendlicher in den letzten Jahren drastisch gestiegen ist. Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) sagte zu diesem Thema: „Zunehmende Gewalt bei Jugendlichen ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Früher gab es eine natürliche Hemmschwelle: Wenn jemand bei der Schulhofprügelei am Boden lag, wurde nicht mehr nachgetreten. Das ist heute anders“. (Welt Online, 15.12.2007)
Diese Entwicklung erscheint mir nicht weiter verwunderlich. Die Frage, inwieweit wir ihr mit Hilfe von säkularen Werten allein wirkungsvoll begegnen können, bedarf einer breiten gesellschaftlichen Diskussion.
17. März 2010
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