Start Autoren Fatma Barbarosoglu Wie die Fremde zur Heimat wird - ein Besuch in Köln
Wie die Fremde zur Heimat wird - ein Besuch in Köln
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Fatma K. Barbarosoglu

Vor einiger Zeit reiste ich mit einer kleinen Gruppe von Frauen nach Köln. Eingeladen hatte uns Frau Z. (Zum Schutz ihrer Privatsphäre verzichte ich auf die Nennung ihres richtigen Namens). Sie wohnt in Kerpen, einem Ort ganz in der Nähe. Frau Z. gab sich große Mühe bei unserer Betreuung und erzählte uns viele Geschichten und Anekdoten, sodass wir schon bald gut über die Umgebung informiert waren.

Frau Z. und ihr Ehemann haben vor ein paar Jahren ein Einfamilienhaus in einem Dorf bei Kerpen gekauft, um ihre Kinder von der Hektik und dem Chaos der Großstadt fernzuhalten. Wir erfuhren, dass sich Frau Z. sehr um gute Beziehungen zu ihren Nachbarn bemühte, weil sie sich dem Dorf gern zugehörig fühlen wollte. Die Familie stellte sich den Dorfbewohnern vor und pflegte Kontakte, indem sie zum Beispiel zum Fastenbrechen im Ramadan (Iftar) einlud oder Süßspeise (Aschura) verteilte. So lernte man sich besser kennen, und sie wurden von ihren deutschen Nachbarn ‚angenommen‘. Inzwischen hat man es sich zur Gewohnheit gemacht, Köstlichkeiten und Genüsse untereinander auszutauschen: „Mein Nachbar soll das Gemüse meines Gartens kosten“, sagt Frau Z.

Die zwölfjährige Tochter S. besucht die Dorfschule. Dort werden für den Religionsunterricht drei Wahlmöglichkeiten angeboten: Evangelischer Religionsunterricht, katholischer Religionsunterricht und das Fach Ethik. Frau Z. wollte, dass ihre Tochter am katholischen Religionsunterricht teilnimmt. Und nun ist sie in diesem Fach die Beste in der ganzen Schule. Man stelle sich vor, die beste Schulnote im katholischen Religionsunterricht hat ein muslimisches Mädchen erzielt!

Und das führt mich zu meinem eigentlichen Thema. Wie Sie wissen, wurde vor nicht allzu langer Zeit in den Medien diskutiert, dass säkulare Familien in Italien darauf pochten, das Aufhängen von Kreuzen in öffentlichen Räumen zu verbieten. Seitdem haben auch einige Kolumnisten in der Türkei diese Forderung thematisiert. Einige von ihnen brachten ein solches Verbot von Kreuzen auch für die katholischen Schulen in der Türkei ins Gespräch. Das mögliche Verbot in Italien wurde als hinreichende Legitimation betrachtet. Verantwortlich für diese Forderungen waren säkulare Schreiber.

Zur Grundsteinlegung der Kölner Moschee war auch Ali Bardakoglu geladen, der Präsident des Amtes für religiöse Angelegenheiten in der Türkei. Er ist der Ansicht, dass der sogenannte Kampf der Kulturen und Religionen kein Problem darstelle; der eigentliche Konflikt finde vielmehr zwischen Religiösen und Säkularen statt.

Und so protestierten während der feierlichen Zeremonie auch etwa 50 rechtspopulistische Pro-Köln Anhänger gegen den Bau der neuen Moschee. Eine links orientierte Gruppe, die sich als autonom bezeichnet, startete wiederum eine Aktion gegen die Protestierenden. Vertreter der Katholischen und der Protestantischen Kirche hielten positive Reden, und Bundeskanzlerin Angela Merkel übermittelte in einer Botschaft Glückwünsche zur Grundsteinlegung. Sie sagte, der Bau der Moschee beweise, dass Migranten Deutschland inzwischen als ihre Heimat betrachten.

Dieser Heimat-Gedanke ist von besonderer Bedeutung. Denn nachdem sie zum zweiten Mal zur Bundeskanzlerin gewählt worden war, hatte sie in einer Rede betont, dass sie die Bundeskanzlerin aller Deutschen sei. Ihre Absicht war gewesen, die erheblichen Investitionen in Ostdeutschland zu rechtfertigen. Dennoch fühlten sich die in Deutschland lebenden sogenannten ausländischen Mitbürger von dieser Äußerung gekränkt. Ihrer Meinung nach hätte Merkel sagen müssen: „Ich bin die Bundeskanzlerin von ganz Deutschland.“

Der zweite Vorfall, der viele Muslime in Deutschland kränkte, war die Entschuldigung der deutschen Regierung bei der ägyptischen Regierung nach der Ermordung von Marwa El-Sharbini im Gerichtssaal. Die Entschuldigung wurde als Ausdruck für die Nichtzugehörigkeit von Marwa zu Deutschland verstanden. Den in Deutschland lebenden Migranten geht es aber darum, nicht als ‚Ausländer‘, sondern als gleichberechtigte Mitbürger akzeptiert zu werden. Und um als solche in Deutschland leben zu können, unternehmen sie unterschiedliche Anstrengungen. Vor allem sind sie der Auffassung, dass es notwendig ist, sich nach außen hin richtig darzustellen.

Vor allem Türken - Schüler ebenso wie Hausfrauen, Moschee-Beauftragte ebenso wie Hochschullehrer - bemühen sich darum, durch eine Sprache der ‚richtigen Repräsentation‘ bestehende Ängste zu entkräften. Eine gute Gelegenheit dafür bietet ihnen zum Beispiel der ‚Tag der offenen Tür der Moscheen‘.

Als ein Symbol für ihre Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft haben die Muslime den Tag der deutschen Einheit, den 3. Oktober, zum Tag der offenen Tür der Moscheen erklärt. Das Wort offen darf dabei durchaus im wortwörtlichen Sinne, also als offen in jeder Hinsicht, verstanden werden. Um die trennenden gesellschaftlichen Barrieren zu beseitigen, geht man sowohl auf die säkularen als auch auf die religiösen Deutschen zu und lädt sie ein: „Herzlich willkommen, lernen Sie uns in unseren Räumlichkeiten kennen!“ So haben die Besucher an diesem Tag der offenen Tür die Möglichkeit, alle Fragen zum islamischen Glauben zu stellen, die ihnen einfallen.

15.07.2010

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