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Auf ähnlicher Grundlage
Zwischen der sozialen Marktwirtschaft und der islamischen Wirtschaft gibt es mehr Gemeinsamkeiten, als heutige Vorurteile nahelegen würden. Die Werte dieser Wirtschaftsmodelle hätten die jüngste Finanzkrise vielleicht verhindert.
Rainer Hermann, Abu Dhabi
Der Dialog zwischen den Kulturen ist schwierig geworden. Immer tiefer und breiter scheint der Graben zwischen dem christlich geprägten Abendland und der Welt des Islam zu werden. Dabei geht der Blick dafür verloren, dass gemeinsames Handeln möglich ist, und das auf einer gemeinsamen Grundlage. Erstaunlich nahe sind sich beispielsweise die Konzepte der sozialen Marktwirtschaft und der Wirtschaftsordnung der islamischen Welt.
Lange bevor der schottische Nationalökonom und Moralphilosoph Adam Smith (1723 bis 1790) den Markt theoretisch erfasste, hatte auch der arabische Historiker und Gesellschaftswissenschaftler Abdul Rahman Ibn Chaldun (1332 bis 1406) Elemente formuliert, die später Teil der sozialen Marktwirtschaft geworden sind. Adam Smith beschränkte den Eigennutz durch sittliche Grenzen, seine spontane wirtschaftliche Ordnung war das Produkt der göttlichen Vorsehung, die sich einer unsichtbaren Hand bediente. Deren Marktmechanismus lässt die soziale Marktwirtschaft, wie sie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg die Freiburger Schule entwickelte, so weit wie möglich intakt, ergänzt sie aber durch Maßnahmen der sozialen Sicherung und Umverteilung der Einkommen.
Mehr Gemeinsamkeit als gedacht
Ibn Chaldun hat die Elemente und Institutionen, welche die Ökonomen um Walter Eucken entwickelt haben, bereits im 14. Jahrhundert erkannt, wenn er auch ein anderes Vokabular verwendete. Er erkannte die Bedeutung des Eigentums, der Haftung dieses Eigentums und der Eigentumsrechte, er sah den Zusammenhang zwischen Rechtsordnung und Eigentum, er machte sich Gedanken, wie Interessengruppen zu kontrollieren sind und wie Subsidiarität funktionieren kann, wie wichtig eine unabhängige Marktaufsicht und eine unabhängige Zentralbank sind, und er formulierte Ratschläge, wie gegen Marktmissbrauch vorzugehen sei.
Der Tunesier Ibn Chaldun ist nur ein Beispiel dafür, dass es ordnungspolitisch zwischen der sozialen Marktwirtschaft und der Wirtschaftsordnung der islamischen Welt mehr Gemeinsamkeiten gibt, als das heutige Vorurteil nahelegen würde. Die Konrad-Adenauer-Stiftung ging daher der Frage nach, wie groß diese Gemeinsamkeiten sind. Die Teilnehmer dreier Konferenzen in Ankara, Berlin und Abu Dhabi kamen zum Schluss, dass sie groß sind und dass beispielsweise die jüngste Finanzkrise nicht ausgebrochen wäre, hätte sich die Wirtschaftsordnung heute an den gemeinsamen Werten beider orientiert. Die anwesenden Politiker, auch aus dem Bundestag, widersprachen dem nicht.
Die islamische Theologie spricht oft eine klare Sprache
In Abu Dhabi hatte die Stiftung Wissenschaftler aus der islamischen Welt eingeladen, nicht nur aus arabischen Ländern. Ökonomen aus vielen Teilen der islamischen Welt, etwa aus Malaysia, arbeiteten heraus, dass in beiden Systemen, in der sozialen Marktwirtschaft und in der islamischen Wirtschaft, der Markt im Mittelpunkt steht, dass beide aber auch eine soziale Dimension einbeziehen und die Religion mit der Würde des Menschen eine wichtige Quelle für die Werte ist, auf deren Grundlage staatliche Eingriffe eine soziale Balance herstellen wollen.
Eine große Übereinstimmung besteht ferner zwischen den ethischen Prinzipien des Islam und dem „Globalen Pakt der Vereinten Nationen“ für gesellschaftlich verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln, einer Initiative, welche die Vereinten Nationen 1999 den Unternehmen angeboten haben, um die Globalisierung sozialer und ökologischer zu gestalten. Zu den Prinzipien dieses „Globalen Pakts“ zählen die Achtung der Menschenrechte und der Rechte der Arbeitnehmer, die Vermeidung der Gefährdung der Umwelt, die Ächtung der Korruption und der Respekt für die individuellen Freiheiten.
Häufig stimmt indes in der islamischen Welt die Wirklichkeit nicht mit den viel anspruchsvolleren Erwartungen der religiös begründeten Ethik überein. Während die islamische Theologie bei allen diesen Punkten eine klare Sprache spricht, haben sich die Tradition und die Wirklichkeit oft anders entwickelt. Gerade da eröffnete die Praxis des Islam in Südostasien neue Perspektiven.
Die Ordnungen sind mehr als reine Wirtschaftsmodelle
Auf den ersten Blick steht das Zinsverbot im Islam einem Dialog zwischen der sozialen Marktwirtschaft und der islamischen Ökonomie im Weg. Denn es nimmt die Möglichkeit, die Knappheit des Kapitals zu ermitteln. Außerdem fehlt der Geldpolitik ein wichtiges makroökonomisches Instrument. Auf Mikroebene haben die islamischen Rechtsgelehrten in den vergangenen Jahrzehnten aber Instrumente entwickelt, um diese Lücke zunehmend zu schließen. Ihnen ist gemeinsam, dass sie den Zins zwar weiter ausschließen, nicht aber den Gewinn. Anstatt eines festen Zinses beteiligt sich der Geldgeber an einem Realwert und damit am Risiko eines Projekts. Entweder er teilt den Gewinn, den das neue Projekt abwirft, oder er muss den Verlust mittragen.
Eine Immobilienkrise, wie sie 2007 in den Vereinigten Staaten entstand (“subprime“), mit zinsgünstigen Krediten an Kreditnehmer mit geringer Bonität, wäre in diesem System eines „Islamic Banking“ nicht möglich gewesen. Das islamische Bankwesen hat damit zwar das Potential, Teil einer Wirtschaftsordung zu sein, deren Werte sich mit denen der sozialen Marktwirtschaft weit überschneiden. In der Praxis wird sie aber kaum angewandt, selbst wenn sie rasch wächst. Außerdem leidet das islamische Bankwesen darunter, dass viele islamische Rechtsgelehrte mit den Instrumenten weiter zu legalistisch umgehen. Viele Länder der islamischen Welt sind daher von der Finanzkrise nicht des „Islamic Banking“ wegen verschont geblieben, sondern weil ihre Volkswirtschaften zu wenig in die Globalisierung eingebunden sind.
Das ändert nichts daran, dass beide Ordnungen mehr sind als reine Wirtschaftsmodelle und mit einer „sozialen“ Komponente auch Gesellschaftsmodelle, die sich stark an der Solidarität und der Sozialbindung des Eigentums orientieren. Beide überlassen dem Markt nicht alles, sondern greifen korrigierend dort ein, wo das Gerechtigkeitsempfinden ein anderes Ergebnis wünschenswert macht. Das ist in der islamischen Wirtschaft nicht anders als in der sozialen Marktwirtschaft deutscher Prägung. In beiden darf der Mensch nicht alles, was er kann. Die Gemeinsamkeiten sind größer, als viele erwarten. Diese Erkenntnis könnte die Verhärtung, die auf beiden Seiten entstanden ist, vielleicht wieder etwas aufweichen.
(Aus der Zeitung, Frankfurter Allgemeine, 04. November 2010)
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