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Die zerstörerische Kraft der Habgier
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S. Krauss

...und wahrlich, stark ist seine (des Menschen) Liebe zum (irdischen) Gut. (100:8)

Kein anderer Koranvers bringt den Zustand, in dem sich die Welt derzeit befindet, so gut auf den Punkt wie dieser. Unsere Welt, die von einem hemmungslosen globalen Kapitalismus regiert wird, steckt in großen Schwierigkeiten. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit tat sich zwischen Besitzenden und Besitzlosen ein so großer Graben auf wie heute. Das Schlimme ist, dass die Kluft zwischen Reich und Arm nach wie vor in alarmierender Geschwindigkeit weiter wächst. Doch scheinbar interessiert das viele Entscheidungsträger überhaupt nicht. Die Erde stirbt an Umweltverschmutzung und massiven ökologischen Schäden, die aus Jahrzehnten des ‚Fortschritts‘ resultieren. Kriege werden angezettelt, Verrat und Unterdrückung gedeihen. Und die Triebfeder dieser Entwicklung ist eine unendlich große, unersättliche Habgier.

Die jüngsten Betrügereien und Manipulationen an den Weltbörsen sind nur die Spitze eines Eisbergs, der in die Welt der multinationalen Konzerne hinein wuchert. Trotz aller Beschwichtigungsversuche von Seiten der Verantwortlichen wird langsam deutlich, welche Verbrechen Menschen in führenden Positionen der Wirtschaft begangen haben. In unserem Informationszeitalter bleibt keine Wahrheit auf Dauer verborgen. Die Gewalt, die auf der ganzen Welt nie gekannte Ausmaße angenommen hat, ist direkt mit der Habgier von Aufsichtsratsvorsitzenden, Direktoren und so genannten Führungspersönlichkeiten aus der Politik verknüpft, die sich nicht um das Wohlergehen ihrer Unternehmen, Arbeiter und Völker scheren. Sie haben ihre Seelen verkauft und richten die Menschen, die ihnen vertrauen, zu Grunde.

Diese Entwicklung ist nicht auf ein einziges Land oder auf ein einziges Volk beschränkt. Die Habgier, mit der wir es heute zu tun haben, ist unter allen Ethnien, Religionen und Nationen anzutreffen. Die heimtückische Kraft dieser Habgier führt alle Menschen gleichermaßen in Versuchung. Mit ihr verführt der Satan die Menschen - auch die Muslime. Wie treffend heißt es doch im Kommentar einer Koranübersetzung von Abdullah Yusuf Ali: „Welch eine böse Wahl traf er (der Mensch) doch, als er Verrat an seinem eigenen Schöpfer (Gott) beging, indem er dem unbedeutenden Tand der vergänglichen Reichtümer dieser Welt nachjagte.“

Wie wahr! Der habgierige Mensch verkauft für einige flüchtige Vergnügungen in dieser Welt sein Schicksal im Jenseits, und das nicht selten auf Kosten anderer Menschen.

Unwiderlegbare Fakten

Wie schlimm ist die Lage? Hat die Habgier tatsächlich bereits die ganze Welt ergriffen? Die folgenden Zahlen gewähren einen schockierenden Einblick:

  • 497 Milliardäre auf der ganzen Welt verfügen über Reichtümer im Wert von 1,54 Billionen Dollar. Diese Summe liegt weit über dem Bruttosozialprodukt aller Länder Afrikas südlich der Sahara, das sich im letzten Jahr auf nicht einmal 1 Billion Dollar belief, und auch über dem der Öl fördernden Länder des Nahen Ostens, das 1,34 Billionen Dollar erreichte.
  • Diese 497 Milliardäre besitzen damit auch mehr Geld als die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit.
  • Die amerikanische Regierung plant, die größte Kriegsmaschine aller Zeiten anzuwerfen. In diesem Rahmen wird der Militäretat der USA auf 379 Milliarden Dollar steigen, von denen allein über 60 Milliarden Dollar auf den ‚Krieg gegen den Terror‘ verwendet werden sollen.
  • In den USA übertrifft der Reichtum des reichsten Prozents der Bevölkerung die Besitztümer der unteren 95%.
  • In Indonesien werden 61,7% aller Aktien von den 15 reichsten Familien des Landes gehalten. Für die Philippinen liegt diese Zahl bei 55,1%, für Thailand bei 55,3%.

Für diejenigen, die zu den Besitzlosen gehören, haben diese Ausprägungen der Habgier verheerende Folgen:

  • Das Pro-Kopf-Einkommen von 80 Entwicklungsländern auf der Welt ist in den letzten 10 Jahren gesunken. 60 Länder sind heute ärmer, als sie es 1980 waren.
  • 1960 betrug das Verhältnis der Einkünfte des Fünftels der Mensch, das in den reichsten Ländern lebt, und des Fünftels, das in den ärmsten Ländern lebt, 1:30. 1990 war dieses Verhältnis bereits auf 1:60 angewachsen, und 1998 belief es sich auf 1:74.
  • Von 1995 bis 1999 haben die wohlhabendsten 200 Menschen auf dieser Welt ihr Nettovermögen auf 1 Billion verdoppelt.
  • 3 Milliarden Menschen leben gegenwärtig von weniger als 2 Euro am Tag, 1,3 Milliarden sogar von weniger als 1 Euro.
  • · 2 Milliarden Menschen leiden unter Unterernährung, davon 55 Millionen in den Industriestaaten.

Diese Fakten sind nicht mehr als winzige Ausschnitte eines großen Bilds. Es liegt auf der Hand, dass die herrschende Politik der einflussreichsten Staaten und Unternehmen dieser Welt zerstörerisch und tyrannisch ist. Frieden und Gerechtigkeit sind von ihr nicht zu erwarten. Wenige auserwählte Menschen macht sie unfassbar reich, während die übrigen Menschen ums nackte Überleben kämpfen oder sogar verhungern.

So sieht sie aus, die Realität unserer Welt - eine Realität, gegen die sich selbst unter den gebildeten Menschen in den entwickelten Ländern kaum Widerstand regt. Auch sie lassen sich nur allzu oft von Medien, die von überregional tätigen Unternehmen kontrolliert werden, verdummen und einreden, der Zustand der Welt sei in Ordnung. Von vielen Problemen erfahren sie erst gar nicht, weil diejenigen, die die Macht über die Informationen besitzen, sie ihnen ganz einfach vorenthalten.

Eine weltweite Krankheit

Der hier beschriebene Zustand der Welt ist eine weltweite Krankheit, die in den Entwicklungsländern ebenso wie in den Ländern der so genannten ‚3. Welt‘ grassiert. Kein Mensch kann sich davon freisprechen, frei von allen Versuchungen (wie Habgier, Ungerechtigkeit, Neid und Hass) der Seele zu sein. Deshalb sollte auch niemand mit dem Finger auf andere Nationen, Menschen und Unternehmen zeigen. Die Erscheinungsformen von Habgier mögen von Mensch zu Mensch, von Kultur zu Kultur und von Religion zu Religion verschieden sein. Doch Habgier bleibt Habgier. Sie lässt sich nur dann besiegen, wenn man sie an den Wurzeln packt. Man muss verstehen, warum Menschen habgierig sind. Wenn man sich mit dieser Frage auseinander setzt, wird man feststellen: Die Herzen der Menschen sind krank.

Befallen sind sie von den mörderischen Krankheiten des Herzens, die Millionen von unschuldigen Menschen töten und unterdrücken. Wir sollten uns also an die Heilung dieser Krankheiten machen, nicht nur an ihren Symptomen herumschustern. Mit immer neuen Kriegen und immer brutaleren Strafaktionen lassen sich vielleicht einige Schuldige bestrafen. Mit Sicherheit aber werden solche Maßnahmen die kranken Herzen, die von Unwissenheit gespeist werden, nicht heilen.

Globalisierung

In schwierigen Zeiten wie diesen sollten wir versuchen, weise zu sein. Wir dürfen uns nicht damit zufrieden geben zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Eine Globalisierung der Welt liegt nicht im Interesse der Mehrheit der Menschen. Überhaupt ist der Begriff ‚Globalisierung‘ sowieso nichts weiter als ein verharmlosender Ausdruck für die Verwestlichung und Materialisierung unseres ganzen Planeten. Einige wenige Verantwortliche haben dies auch durchschaut. Der Premierminister Malaysias, Dr. Mahatir Mohamed, z.B. hat immer wieder vor den Gefahren der Globalisierung gewarnt. Seiner Ansicht nach bedienen sich die Industriestaaten dieses Begriffs, um zu verbergen, dass sie mit Hilfe ihres riesigen Kapitals unterentwickelte Länder systematisch ausbeuten.

Multinationale Unternehmen zahlen schwachen und korrupten Regierungschefs und anderen Führungspersönlichkeiten Schmiergelder und unterstützen sie auch sonst so gut wie möglich. Diese wiederum lassen ihnen freie Hand und erlauben ihnen, Wirtschaft und Umwelt der armen Länder zu Grunde zu richten. Dr. Mahatir betont, dass die heutige Form der Globalisierung nur dann allen Menschen auf der Welt nützen würde, wenn zuvor die Kapitalmengen der Länder einander angeglichen würden. Entwicklungsländer und ihre ökonomischen Systeme müssen seiner Meinung nach so lange geschützt und gefördert werden, bis sie in der Lage sind, mit potenziellen Konkurrenten auf dem Weltmarkt mithalten zu können. Davon kann heute bislang keine Rede sein. Die Globalisierung in ihrer jetzigen Form gestattet den reichen Nationen, ärmere Nationen einerseits ihrer Rohstoffe zu berauben und sie andererseits dazu zu zwingen, ihre eigene Kultur einzuführen - eine Kultur des Konsums und des Materialismus.

Kann der Koran zur Lösung der Probleme beitragen?

Wie steht der Koran zur Habgier der Menschen? Deutlich wird seine Haltung vielleicht in folgendem Vers, der das Erheben von Wucherzinsen anprangert:

Diejenigen, die Zinsen verschlingen, sollen nicht anders dastehen als wie einer, der vom Satan erfasst und zum Wahnsinn getrieben wird. (2:275)

Sozialisten zufolge wird Geld von jenen, die genug davon haben, verliehen. Wenn es schließlich zurückgezahlt wird, macht es diese Besitzenden noch reicher. Arme Menschen werden hingegen mit jeder weiteren Kreditaufnahme ärmer - ein Prozess, der das soziale Gleichgewicht der Gesellschaft ins Wanken bringt und letztlich zerstört.

Diese Analyse beschreibt präzise die Situation, in der sich die Weltwirtschaft heute befindet. Zinsen und Schulden, wohin man nur schaut. Der Reichtum befindet sich in den Händen einer winzigen Minderheit, während die Kluft zwischen Reich und Arm Tag für Tag größer wird. Und das Resultat? Das soziale Gleichgewicht ist schwer gestört.

Wucherzinsen und Habgier und deren hässliche Begleiterscheinungen sind Kräfte, die in der Vergangenheit schon ganze Völker vernichtet haben. Sie stellen uns vor Probleme, die die Menschheit allein nicht bewältigen kann, erst recht dann nicht, wenn sie sich von der Weisheit und Rechtleitung ihres Schöpfers abwendet.

Der Zustand unserer Welt heute mit den Reichen auf der einen und den Habenichtsen auf der anderen Seite lässt sich nicht viel länger aufrecht erhalten. Irgendwann, irgendwo und irgendwie wird es zwangsläufig zu einer Neuordnung kommen. Ein Weltwirtschaftssystem, das so ungerecht, so unausgewogen und so entzweiend ist, wird nicht lange überdauern. Die Mächte, die die Wirtschaft und Politik dieser Welt heute kontrollieren, täuschen sich, wenn sie glauben, dass sie ihre korrupte Politik auch weiterhin werden betreiben können, während 95% der Weltbevölkerung die Hände in den Schoß legen und einfach nichts tun. Früher oder später wird es einen großen Crash geben.

Der Koran wird auch al-qur’an al-karim, der weise Koran, genannt, denn tatsächlich steckt er voller Weisheiten. So bietet uns der Islam eine unkomplizierte Lösung dieses Problems. Sie lautet: Fairness und Kooperation. In unserer vom Kapitalismus regierten Welt muten diese Werte beinahe wirklichkeitsfremd an. Zügelloser Wettbewerb, das ist es, was zurzeit gefragt ist. Und nichts deutet darauf hin, dass sich dies in absehbarer Zeit ändern würde. Der Konkurrenzkampf in der Wirtschaft überträgt sich auf alle Aspekte des Lebens, bis schließlich jeder jedem misstraut. Jeder kümmert sich nur noch um seine eigenen Angelegenheiten, bis die ganze Gesellschaft schließlich nicht mehr funktioniert. Viele Gesellschaften der Industriestaaten drohen schon heute auseinander zu fallen.

Schlussbetrachtung

Der Islam ermutigt die Menschen, aufeinander zuzugehen, einander zu vertrauen und miteinander zu kommunizieren. Elitäres Denken ist ihm fremd. Der Islam sagt, dass Menschen, die sich mit dem Wunsch zusammenschließen, der Gesellschaft zu helfen, und aus diesem Wunsch heraus gute Werke verrichten, das Wohlgefallen Gottes finden. Solange die Menschheit den Schutz und die Zustimmung Gottes genießt, sind ihr keine Grenzen gesetzt. Die großartige Geschichte der islamischen Kultur beweist dies.

Der Prophet Muhammad hat im Medina des 7. Jahrhunderts eine unübertroffene Gesellschaft gegründet. In dieser Gesellschaft arbeiteten, lebten und beteten die Menschen miteinander. Muslime und Nicht-Muslime, und Menschen unterschiedlicher Völker und Stämme lebten in ihr friedlich zusammen. Sie alle akzeptierten die führende Rolle eines Lehrmeisters. Dieser wiederum lebte äußerst bescheiden. Er forderte nichts für sich selbst und setzte sich mit ganzer Kraft für das Wohlergehen seines Volkes ein. So lange bis Neid, Missgunst und Hass schließlich auch die Herzen der Menschen Medinas vergifteten, zeigte diese Stadt der Welt, dass der Glaube an Gott, Zusammenarbeit und ein Leben für das Gemeinwohl die Schlüssel für eine friedvolle Koexistenz sind. Eine Gesellschaft wie diese wird es jedoch erst dann wieder geben, wenn die Menschen willens und dazu in der Lage sind, die Krankheiten, die tief in den Herzen verwurzelt sind, zu kurieren.

(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 20, 2003)

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