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Die Zerstörung eines Images
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Turkan Akman

Torah, Bibel und Koran erzählen ähnliche Schöpfungsgeschichten. Schließlich stammen sie ja auch alle aus derselben Quelle. Der zentrale Punkt ist jeweils, dass Gott Mann (Adam) und Frau (Eva) erschaffen hat. Bei allem, was über diese Aussage hinausgeht, herrscht hingegen Uneinigkeit.

Der Ursprung der Debatte

Die biblische Darstellung aus Buch Genesis 2:4-3:24 hat das religiöse wie auch das soziale Leben der Menschen über Jahrhunderte hinweg maßgeblich bestimmt. Sie hat ein Musterbild von Mann und Frau und deren Rollen und Beziehungen vorgegeben, das beim Entwurf der sozialen und religiösen Konzepte, nach denen wir heute leben, eine ganz entscheidende Rolle gespielt hat.

Zwei der meist diskutierten Themen der Gegenwart sind die angebliche Minderwertigkeit der Frau gegenüber dem Mann (da sie aus einer seiner Rippen erschaffen wurde) und die Rolle der Frau als Verführerin, die die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies verschuldet hat, indem sie Adam zum Essen der verbotenen Frucht anstiftete. Der Islam interpretiert diese Ereignisse anders:

Die Gleichheit von Mann und Frau

Die besagte Rippe wird nicht im Koran, sondern nur in einem Hadith erwähnt. Viele Gelehrte gehen aber davon aus, dass dieser Hadith falsch interpretiert wurde und für dieses Thema gar keine Rolle spielt.1

Der Koran konzentriert sich, was die Schöpfung des Menschen betrifft, nicht auf die Frage, wer zuerst erschaffen wurde, sondern auf ein breiteres Konzept der Schöpfung: O ihr Menschen, fürchtet euren Herrn, der euch erschaffen hat aus einem einzigen Wesen; und aus ihm erschuf Er seine Gattin, und aus den beiden ließ er viele Männer und Frauen entstehen. (4:1) Der arabische Originalbegriff für ein einziges Wesen lautet nafs wahida (‚ein einziges Selbst‘ oder ‚eine einzige Seele‘.) Der Begriff nafs hat vor allem zwei Bedeutungen: Erstens bezeichnet er das Selbst des Menschen und zweitens die mit Leben erfüllende Energie oder Kraft, die die Quelle oder der Mechanismus des menschlichen Lebens ist. daher lautet die richtige Übersetzung für nafs wahida: ‚einzigartiges und ursprüngliches menschliches Selbst‘.

Diese Übersetzung wird auch von weiteren Koranversen gestützt:

Und unter Seinen Zeichen ist dies, dass Er Gattinnen für euch aus euch selber schuf, auf dass ihr Frieden bei ihnen finden möget; und Er hat Zuneigung und Barmherzigkeit zwischen euch gesetzt.(30:21), Und Allah gab euch Gattinnen aus euch selbst, und aus euren Gattinnen machte Er euch Söhne und Enkelkinder, und Er hat euch mit Gutem versorgt. (16:72) und Er hat aus euch selbst Gattinnen für euch gemacht und Paare aus den Tieren. Dadurch vermehrt Er euch. (42:11)

In diesen Versen bezieht sich aus euch selbst auf die menschliche Spezies, auf das Selbst oder auf das Wesen der Menschen. Sie erwähnen auch, dass alles paarweise erschaffen wurde, was der folgende Vers nur bestätigt: Und von jeglichem Wesen haben Wir Paare erschaffen. (51:49) Der Koran verwendet also die Worte der euch erschaffen hat aus einem einzigen Wesen; und aus ihm erschuf Er seine Gattin, um zu unterstreichen, dass Mann und Frau die gleiche Essenz besitzen. Sie wurden aus derselben Essenz erschaffen, um sich gegenseitig zu ergänzen.

Das erste Paar

O Adam, du und deine Frau - verweilt im Paradiesgarten und esst von dessen Früchten, wo immer ihr auch wollt. Aber nähert euch nicht diesem Baum, sonst werdet ihr beide zu den Sündern gehören.

Das erste Paar genoss im Paradies ein freigebiges Leben. Adam und Eva hatten es nicht nötig, von dem verbotenen Baum zu essen. Andererseits war der Baum ein entscheidendes Element im Leben der Menschheit. Da der Mensch zum Ungehorsam neigt, stellte der Baum einen Test dar. Er brachte die schwache Seite des Menschen zum Vorschein. Adam und Eva kannten das Risiko, das mit ihrem Handeln verbunden war. Gott hatte ihnen deutlich gemacht, dass der Satan ihr Feind war und dass sie die Konsequenzen zu tragen hätten, falls sie ihm gehorchten.

Jedoch Satan flüsterte ihm Böses ein; er sagte: „O Adam, soll ich dich zum Baum der Ewigkeit führen und zu einem Königreich, das nimmer vergeht?“ Da aßen sie beide davon, sodass ihnen ihre Blöße ersichtlich wurde, und sie begannen, Blätter des Gartens über sich zusammenzustecken. Und Adam befolgte das Gebot seines Herrn nicht und ging irre. (20:120-121)

Man beachte die Pronomen. Anders als in Torah und Bibel wird Eva hier nicht als die alleinige Sünderin dargestellt. Der Koran macht sowohl Adam als auch Eva für den Fehltritt verantwortlich und verurteilt den Satan als Verführer und Feind; denn er war derjenige, der Adam angestachelt hatte. Anstatt dem Paar Vorwürfe zu machen, akzeptierte Gott die Reue von Adam und Eva und vergab ihnen. Er gestand ihnen zu, vergessen und einen Fehler gemacht zu haben. Im Koran gibt es keine Vertreibung aus dem Paradies durch einen grimmigen und unversöhnlichen Gott, der Sein glühendes Schwert über das Tor des Paradieses hängt, damit die Menschen niemals zurückkehren können.

Die Darstellung des Koran zeigt, dass die Menschheit nicht auf ewig verflucht ist. Dementsprechend gibt es im Islam kein Pendant zum biblischen Sündenfall oder zur Ursünde. Da Adam und Eva verziehen wurde, kann auch niemand für deren Sünden bestraft werden. Jeder Mensch kommt also unschuldig und mit dem Wissen zur Welt, dass aufrichtige Reue von Gott akzeptiert wird.

Im Buch Genesis macht Adam Eva Vorwürfe, die wiederum ihrerseits die Schlange (den Satan) für ihr Schicksal verantwortlich macht. Der Koran hingegen berichtet von einer maßvolleren und reiferen Reaktion. Er erwähnt keinerlei Schuldzuweisungen. Stattdessen werden zwei Menschen beschrieben, die ihren Fehler eingestehen und Gott um Verzeihung bitten: Sie sagten: „Unser Herr, wir haben gegen uns selbst gesündigt; und wenn Du uns nicht verzeihst und Dich unser erbarmst, dann werden wir gewiss unter den Verlierern sein. (7:23)

Der Menschheit ist nicht beschieden, für immer verbannt zu sein. Sie wurde aus dem Paradies verstoßen, besitzt aber nach wie vor die Hoffnung, einst zurückkehren zu dürfen. Nach einer Phase der Trauer und des Bedauerns vergab Gott Adam und machte ihn zu seinem ersten Propheten: Hierauf erwählte ihn sein Herr und wandte Sich ihm mit Erbarmen und Rechtleitung zu. (20:122)

Das Image Evas

Die Geschichte Evas wird im Buch Genesis im Rahmen der zweiten Schöpfungsgeschichte erzählt. Später ist keine Rede mehr von einer ‚Eva, der Verführerin‘. Frauen mit einem schlechten Ruf werden auch nie ‚Töchter Evas‘ genannt. Doch die Gründungsväter der Kirche legten sich auf diese Interpretation fest und verankerten sie in der Vorstellung der Menschen. Eva (und damit die Frau an sich) war für sie die Urmutter, die vom Satan verführt worden war und den Tod über die Menschheit gebracht hatte.2

Tertullian, ein Theologe des 2. Jahrhunderts n. Chr. erinnert die Frauen an ihr schmachvolles Erbe: „Wisst ihr nicht, dass ihr alle Evas seid? Die Strafe Gottes für euer Geschlecht ist auch in diesem Zeitalter noch nicht abbezahlt: Die Schuld muss zwangsläufig weiterleben. Ihr seid die Tore des Satans. Ihr seid die Entweiher des verbotenen Baums. Ihr seid die Ersten, die das Gesetz verletzten. Ihr seid sie, die jenen überredete, der zu heldenhaft war, als dass der Satan ihn selbst hätte überreden können.“

Viele Menschen und insbesondere Feministinnen kämpfen gegen die Vorstellung von der Ursünde, denn diese war mit dafür verantwortlich, dass Frauen in der Gesellschaft für minderwertig gehalten wurden. Eva (die Schlechte) trug die Schuld dafür, dass die Menschheit leiden musste. Wegen ihr mussten die Frauen die Schmerzen der Geburt erdulden und waren ihren Ehemännern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Wegen ihr mussten sich die Männer abplacken und im Schweiße ihres Angesichts schuften. Und wegen ihr mussten alle Menschen den bitteren Tod schmecken.

Die Bilder monströser fruchtbarer Frauengestalten mit übernatürlichen Kräften, die der Welt der Mythen entstammten, gruben sich in die Köpfe der ersten Christen ein und trugen das Ihre dazu bei, dass die Frauen ein schlechtes Image bekamen, dass sie so schnell nicht wieder los wurden. Die Parallelen dieses Frauenbilds zur Darstellung der Eva aus der Schöpfungsgeschichte der Bibel ist unverkennbar und ihre Einflüsse lassen sich an religiösen Gemälden des Sündenfalls aus dem 14. und 15. Jahrhundert sehr gut nachvollziehen.

In die Interpretation der Eva-Gestalt flossen viele traditionelle Mythen mit ein: u.a. der jüdische Mythos der Lilith, der griechische Mythos der Pandora und Geschichten von Seejungfrauen und Lamien (weiblichen Schreckgespenstern, die Kinder rauben). Man glaubte, Lilith sei Adams maßlose erste Frau gewesen, die mit ihm um sexuelle Rechte gerungen hatte und dann zum Roten Meer geflohen war, wo sie mit Dämonen zusammenlebte und böse Geister gebar. Pandora, die wunderliche Unglücksbringerin, öffnete eine geheime Büchse und erlaubte so allen Arten von menschlichen Übeln zu entkommen.

Adam und Eva

Quasi als Ersatz für Eva wurde Maria präsentiert, die ‚neue Eva‘. Mit ihr kehrte die Hoffnung zurück, vielleicht doch irgendwann ins Paradies gelangen zu können. Maria ist in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil Evas. Sie gehorchte dem Erzengel Gabriel (und damit auch Gott), Eva hingegen der Schlange (und damit dem Satan). Maria war ein Symbol der Unschuld und der Keuschheit, Eva aber ein Symbol der verwerflichen sexuellen Begierde. Maria war die Mutter Gottes, Eva die Mutter aller Sterblichen. Maria brachte Barmherzigkeit und Heil, Eva jedoch Tod und Zerstörung.

Diese Wahrnehmung förderte das unterschwellige Gefühl, dass die Frau (Eva) gerettet werden könnte (Maria), wenn sie nur ihre Weiblichkeit, die vermeintliche Quelle menschlicher Schwäche und menschlichen Ungehorsams, unterdrückt. Christinnen folgten dieser Logik, um Gott näher zu sein. Sie blieben Jungfrauen, denn die Jungfräulichkeit galt als der unschuldige Zustand des Paradieses. Einige Frauen wählten das Leben als Nonne aber auch, um der traditionellen Rolle als Mutter und Ehefrau zu entkommen und einen intellektuellen und aktiven Lebensstil pflegen zu können. Ihr klösterlicher Lebensstil trug ihnen sozialen Respekt und Autorität ein.

Die ersten Kirchenväter setzten das Zölibat gegen die Vorbehalte der römischen Gesellschaft durch. Unter den römischen Frauen des 2. Jahrhunderts machten Geschichten wie die über Thekla die Runde - einer Frau, die dem Aufruf des Apostels Paulus zum jungfräulichen Leben folgte. Sie weigerte sich, den ihr bestimmten Ehemann zu heiraten, schnitt sich die Haare ab und folgte Paulus, der im ganzen Land predigte. Eines Tages geriet sie an einen König, dessen spezielle Wünsche sie nicht erfüllen wollte. Da warf er sie den wilden Tieren zum Fraß vor, doch ihr starker Glaube und die Unterstützung Gottes retteten ihr das Leben.

Wenn aber alle Frauen sich für ein Leben im Kloster entscheiden würden, würde die Menschheit aussterben. Die Bibel lehrt die Menschen darum auch: Seid fruchtbar und mehret euch.

Die Reformation und die Bibel der Frauen

Die Reformation Martin Luthers (1483-1546) propagierte ein kritisches Studium biblischer Konzepte. Die Kirche betrachtete die Ehe zwar nach wie vor als der Jungfräulichkeit nicht ebenbürtig, und die sexuellen und familiären Beziehungen wurden nach wie vor von den Interpretationen der Geschichte von Adam und Eva überlagert. Die Reformisten sahen die Ehe aber auch durch die Bibel sanktioniert: Ich will nicht, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. (Genesis 2:18) Evas Rolle als eine ‚Hilfe‘ wurde so interpretiert, dass Gott Eva in Abhängigkeit von Adam erschaffen habe, um diesen sexuell zu befriedigen. John Calvin (1509-1564) sprach nicht von ‚Hilfe‘, sondern vielmehr von ‚Gegenstück‘, d.h., von einem gleichwertigen Menschen, der ein untrennbarer Bestandteil des Lebens des Mannes ist.

Diese neuen Ideen werteten die Rolle der Frau in der Ehe auf. Doch auch die Reformisten gingen davon aus, dass die Frauen während der Geburt leiden und die Herrschaft des Mannes über sich ergehen lassen mussten, weil Eva einst gesündigt hatte.

Im 18. und 19. Jahrhundert bemühten sich weibliche Moralisten und Aktivisten darum, das Bild der Gesellschaft von der Frau als ein Opfer ihres sündigen Wesens zu verändern. Diskutiert wurden nun in der Literatur und Poesie sowie auf Protestveranstaltungen Themen wie die Ausbildung der Frauen, gleiches Recht auf Arbeit und das Recht auf Besitz von Gütern. In ihrem Roman ‚Shirley‘ von 1849 verurteilte Charlotte Bronte ein soziales System, das Frauen keine andere Wahl lässt, als alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, um einen Ehemann zu ergattern.3 Wenn die Gesellschaft im Allgemeinen die Auffassung vertrat, Frauen besäßen genug Kultur, wenn sie ein Abendessen zubereiten oder sich ordentlich kleiden könnten, wurde dem nun entgegengestellt, dass eine solche Haltung Frauen auf boshafte stumpfsinnige Evas reduziere.

Die ‚Bibel der Frauen‘, die 1895 veröffentlicht wurde, war eine Sammlung von Aufsätzen, die der biblischen Darstellung der Frau widersprachen. Die Verfasserin einer der Aufsätze, Elizabeth Cady Stanton (1815-1902), schrieb z.B., dass nicht einmal die Evolutionstheorie die Frauen so sehr gedemütigt habe wie die Darstellung der Ereignisse im Paradies.

Fazit

Leider haben oberflächliche und falsche Interpretationen heiliger Texte viele Menschen dazu veranlasst, sich von der Religion abzuwenden. Die Wahrheit, nach der Kommentatoren suchen, wird oft von Unwissenheit und Vorurteilen überschattet. Unverständlich ist jedoch, warum bei strittigen Fragen nicht der Islam zu Rate gezogen wird. Schließlich ist er eine reine Quelle göttlichen Wissens. Unkenntnis und fehlerhafte Darstellungen auch von Seiten der Muslime und die Vorurteile von Nicht-Muslimen haben das klare Bild der Botschaft des Islam verfinstert:

Niemand kann für die Sünden eines anderen Menschen verantwortlich gemacht werden.

(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 18, 2002)


1 Dieser Hadith findet sich in den Hadithsammlungen ‚Sahih al-Bukhari‘ und ‚Sahih Muslim‘.

2 Der Koran erwähnt Eva nicht namentlich. In einigen Hadithen heißt sie ‚Hawwa‘ - die aus einem lebenden Körper Erschaffene. Die Muslime verehren sie als die Frau des ersten Propheten Adam und als die Mutter aller Gläubigen, indem sie sie ‚Mutter Hawwa‘ nennen.

3 Norris, Pamela; Eve: A Bibliography; New York 1999, S. 292

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