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Plädoyer für eine Problemlösung
Musa Bagrac
Alle Beteiligten sind sich einig: Der bekennende islamische Religionsunterricht (IRU)1 wird kommen, und für die Integrationspolitik wird dies ein wichtiger Meilenstein sein. Über das Wann und Wie hingegen herrscht alles andere als Einigkeit. Immer wieder wurde und wird die endgültige Einführung vertagt. Provisorische Maßnahmen sind alles, was bisher zustande gebracht wurde. Das Land Nordrhein-Westfalen spielt eine Vorreiterrolle. Darum werde ich in meinem Beitrag vor allem die Situation in NRW schildern. Vorwegschicken möchte ich, dass mir unter Beachtung sämtlicher Aspekte die Einführung eines bekennenden IRU als die optimale Lösung erscheint.
Stellen Sie sich einmal folgende Schulsituation vor: Ein Lehrer respektiert die Religion, die er unterrichtet, und steht hinter ihr; ein anderer hingegen geht zynisch und anmaßend mit ihr um. Welcher von den beiden wird wohl den Bildungs- und Erziehungszielen der Schule gerecht? Vom Islam distanzierte Lehrer, die z.B. den Koran als ein „paradoxes Buch“ bezeichnen wecken bei Schülern nicht unbedingt das Gefühl, in ihrer Religiosität respektiert zu werden. Es ist oft nur eine Frage der Zeit, bis die Eltern davon erfahren und sie wahrscheinlich vom Islamunterricht abmelden. Authentische Lehrer hingegen werden sich darum bemühen, ein freundschaftliches Klima zu schaffen und auf ihre Schüler und deren Eltern zu zugehen. In ihrem Unterricht werden die Schüler eher bereit sein, Fragen und Themen aus dem Alltag konstruktiv kritisch zu reflektieren. Erfahrungsgemäß zeigen sich auch die Eltern dieser Schüler gegenüber solchen Lehrern und damit auch gegenüber der Institution Schule aufgeschlossener. In vielen Punkten schlagen solche Lehrer Brücken zwischen Schule und Elternhaus und tragen dazu bei, dass muslimische Schüler sich hier heimisch fühlen.
Allein wenn man sich einige aktuelle Zahlen vor Augen hält, wird deutlich, dass der Islamunterricht kein unbedeutendes Unterfangen ist: Derzeit werden in NRW in 133 Schulen 10.541 muslimische Schüler von insgesamt 80 Lehrern im Fach Islamkunde auf Deutsch unterrichtet. Insgesamt leben in NRW sogar rund 310.000 muslimische Schüler. Das Problem ist nur, dass sehr viele der Islamkundelehrer in NRW kaum hinreichend qualifiziert sind. Ein Teil von ihnen gilt in der muslimischen Community als vom Islam distanziert, andere haben keinerlei fundierte theologische, pädagogische und fachdidaktische Ausbildung genossen. Denn viele Islamkundelehrer wurden durch Fortbildungen aus den Reihen z.B. türkischer Muttersprachlehrer rekrutiert.
Wie werden Islamlehrer ausgebildet?
2004 wurde in Münster der bundesweit erste Lehrstuhl Religion des Islam eingerichtet. Ein großes Medienereignis für die Muslime! Unter der Leitung des später in Ungnade gefallenen Prof. Dr. Muhammad Sven Kalisch sollten fähige Islamlehrer ausgebildet werden. Lehramtsstudierende muslimischen Glaubens konnten sich in einem Erweiterungsstudiengang qualifizieren. Doch die euphorische Stimmung, die damals weit über die Landesgrenzen reichte, ebbte schlagartig ab, als Prof. Kalisch seine Thesen über eine mögliche Nichtexistenz des Propheten Muhammad zum Besten gab. Landesweit waren Muslime entsetzt und enttäuscht, muslimische Verbände entzogen Prof. Kalisch ihr Vertrauen, und muslimische Studierende forderten eine sofortige Neubesetzung des Lehrstuhls. Für die Universitätsleitung waren diese Forderungen indiskutabel. Daraufhin beschlossen zwei Drittel der Islamunterricht-Studierenden allen Veranstaltungen von Prof. Kalisch fernzubleiben. Sehr zur Freude der Studierenden wagte man nach gut zwei Jahren Boykott mit Dr. Mahouned Korchide einen Neuanfang. Dr. Korchide ist Inhaber des neu eingerichteten Lehrstuhls Islamische Religionspädagogik, der fortan für die Ausbildung von Islamlehrern zuständig ist.
Die verlorenen Jahre einzuholen und endlich als qualifizierte Islamlehrerin vor der Klasse zu stehen, wünscht sich auch die betroffene Studentin Sahinder Gelim. Damit spricht sie vielen muslimischen Eltern aus der Seele, die den Ausbau des Islamunterrichts an Schulen in NRW fordern. Dass der Bedarf am Islamunterricht sehr groß ist, erkennt man schon an den Teilnehmerquoten von über 85 Prozent, und das trotz Islam distanzierter und unzureichend ausgebildeter Lehrer. Auf den aktuellen Bedarf und auf die steigende Nachfrage reagiert das NRW-Schulministerium nun parallel zur universitären Ausbildung mit einem zweiten Fortbildungsangebot. Entgegen der ersten Fortbildung sollen diesmal muslimische Lehrer mit deutschen Lehramtsprüfungen fortgebildet werden, die schon im Regelunterricht eingesetzt sind und deshalb unterrichtsdidaktische Qualifikationen mitbringen.
Die Frage des Ansprechpartners
Der reguläre IRU wird kommen, stellte NRW-Integrationsminister Armin Laschet schon letztes Jahr für das Schuljahr 2010/2011 in Aussicht. Ob dieser Unterricht den Charakter eines bekenntnisorientierten Religionsunterrichts gemäß Artikel 7,3 GG haben wird oder weiterhin in alleiniger staatlicher Verantwortung erteilt wird, ist aber immer noch nicht geklärt. Laschet führte zwar Hintergrundgespräche mit den muslimischen Verbänden, doch zur erhofften Kompromisslösung kam es nicht. Umso größer nun die Enttäuschung auf beiden Seiten. Doch wo genau liegt eigentlich das Problem?
Dem Grundgesetz zufolge kann ein bekennender Religionsunterricht nur in Zusammenarbeit mit einer Religionsgemeinschaft erteilt werden. Allerdings kennt der Islam keine Staatskirche. Weil die hiesigen Muslime in diversen ganz unterschiedlichen Verbänden organisiert sind, konnte die berechtigte Frage nach einem Ansprechpartner lange Zeit nicht beantwortet werden.2 Eine Lösung bahnte sich 2007 an, mit der Gründung des KRM (Koordinationsrat der Muslime in Deutschland).3 Dieser nahm fortan für sich in Anspruch, Sprachrohr der in Deutschland lebenden Muslime zu sein. Die diesjährige Deutsche Islamkonferenz (DIK),4 die im Mai stattfinden wird, wird für den jungen KRM in zweierlei Hinsicht zu einem er(n)sten Testfall: Zum einen hat die Organisation Milli Görüs5 diesmal keinen Teilnehmerstatus mehr erhalten, weil sie vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Zum anderen sollen auf dieser DIK grundlegende Fragen rund um den Islamunterricht diskutiert werden. Bis jetzt hat sich der KRM zu dem Ausschluss von Milli Görüs nicht eindeutig positioniert. Die muslimische Öffentlichkeit sieht sich dadurch jedoch in ihrer Wahrnehmung bestätigt, dass muslimischen Organisationen hierzulande mit Misstrauen begegnet wird. Diese Wahrnehmung ist sicherlich nicht gerade förderlich für die politische und gesellschaftliche Integration von Muslimen.
IRU = Integration?
In NRW wird Islamunterricht auf der Grundlage des Lehrplans der Islamkunde unterrichtet. Der jetzige Lehrplan kommt inhaltlich und didaktisch einem bekennenden IRU nahe. Möglicherweise könnten Inhalt und didaktische Intention dieses Lehrplans auch ohne Weiteres von einer künftig anerkannten islamischen Religionsgemeinschaft mitgetragen werden. Denn grob gesagt zielt er auf die Entfaltung der vier Dimensionen des Menschseins ab (Körperlichkeit, Emotionalität, Intellektualität, Spiritualität), mittels derer eine positive muslimische Identität in einer nichtmuslimischen Umgebung aufgebaut werden soll. Die muslimische Identität geht mit moralischem Handeln einher. Somit korreliert das Erziehungsziel des Lehrplans mit dem des Islams. Dem Islam nämlich geht es bei der Entwicklung einer muslimischen Identität in erster Linie auch um die Erziehung zum guten Menschen.
Sobald die Religionsgemeinschafts-Problematik geklärt ist, kann meines Erachtens der Lehrplan der Islamkunde mit nur wenigen Veränderungen für den bekennenden IRU übernommen werden. Von diesem dürfen indes keine Wunder erwartet werden. Er stellt kein Allheilmittel für sämtliche Probleme dar. Schon die institutionelle Quasi-Gleichbehandlung von 310.000 Schülern muslimischen Glaubens in NRW mit ihren christlichen Mitschülern ist ein gewaltiges Projekt. Aber wo, wenn nicht in der Schule soll man mit der Gleichbehandlung anfangen? Die Einführung des bekennenden IRU wird sicherlich ein Stück Normalität in den Schulalltag bringen. Muslimische Schüler werden ihre Religion in deutscher Sprache kommunizieren können. Schon das Fach Islamkunde hat die deutsche Sprache in ihren Augen deutlich aufgewertet.
Mehrere Jahrzehnte sind inzwischen verstrichen, ohne dass man im erwünschten Maße vorangekommen ist. Nun ist es an der Zeit, den hiesigen Muslimen zu zeigen, dass sie und ihre Religion auch im Klassenzimmer willkommen sind.
(Aus der Islamischen Zeitung, Ausgabe Mai und Juni, 2010)
1 Die Bezeichnung „Islamunterricht“ und IRU werden in diesem Beitrag als Sammelbezeichnung für alle Formen verwendet: 1999 wurde der Islamunterricht in NRW als Schulversuch unter der Bezeichnung „Islamische Unterweisung“ eingeführt. 2005 wurde er in „Islamkunde“ umbenannt. Der bekennende islamische Religionsunterricht hingegen ist die noch nicht erfüllte Forderung dies als ordentlichen Religionsunterricht nach Artikel 7,3 des Grundgesetzes zu erteilen.
2 Ganz dem Ideal der freiheitlichen Demokratie entsprechend: Wer etwas will, organisiert sich und übt politischen Einfluss aus.
3 Zum KRM schlossen sich folgende Dachverbände zusammen: DITIB, ZMD, Islamrat und VIKZ.
4 Die vom Bundesinnenministerium eingerichtete DIK symbolisiert die Integration des Islams in das politische System.
5 Milli Görüs ist über den Islamrat Mitglied des KRM.
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