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Beinahe wie ein Thriller
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24.09.2010 Ein Abriss der bisherigen Geschichte der deutschen Koranforschung. Von Musa Bagrac

"Sie möchten Gottes Licht auslöschen mit ihren Mündern, doch Gott wird Sein Licht vollkommen machen, auch wenn die Ungläubigen es hassen." (Der Koran, 61:8)

Die Geschichte der deutschsprachigen Koranforschung liest sich wie ein atemberaubender Thriller voller fantasievoller Intrigen, so spannend wie der "Da Vinci Code" und "Indiana Jones" zusammen. Der Koran sei ursprünglich ein christlicher Text, der Prophet Muhammad habe gar nicht gelebt beziehungsweise besitze keine zentrale Bedeutung für die Entstehung dieser Schrift, sein Name stehe wahrscheinlich für Jesus und der Islam sei somit eine christliche Sekte. So könnte man die historische Koranforschung in Deutschland kurz resümieren.

In vier Jahren wird die deutschsprachige Koranforschung ihren 100. Geburtstag feiern. Einst machte sich ein junger Pfarrerssohn namens Gotthelf Bergsträsser (1886-1933) mit einem militärischen Auftrag auf ins Osmanische Reich.

Damals war gerade der Erste Weltkrieg ausgebrochen, und das Osmanische Reich zog an der Seite des Deutschen Reichs in den Krieg. Gotthelf Bergsträsser, der später ein sehr bekannter Orientalist werden sollte, bereiste in den fünf Jahren seines Nahostaufenthaltes Istanbul, Syrien, Palästina und Ägypten.
Worin bestand sein Auftrag? Nun, er war kein Stratege, der militärisch hätte von Bedeutung sein können. Aber er war ein Experte für orientalische Sprachen. Und sein Spezialgebiet war die Beschäftigung mit dem Koran. Bei seinen Reisen durch Europa, Nordafrika und den Nahen Osten machte der Missionsmann mit seiner Leica-Kamera etliche Fotos von Koranhandschriften aus unterschiedlichen Epochen der islamischen Geschichte und aus verschiedenen Gebieten der islamischen Welt. Unter der Leitung der Bayrischen Akademie der Wissenschaften wurde 1930 eine Korankommission gegründet, die zum Ziel hatte, einen "Apparatus Criticus zum Koran" zu erstellen, ganz in der Tradition der frühen Orientalisten Abraham Geiger, Ignaz Goldziher und Theodor Nöldeke.

Abraham Geiger war der festen Überzeugung gewesen, dass die historisch-kritische Methode, die bei der Bibel angewandt wurde, auch beim Koran anzuwenden sei.
Doch Bergsträsser starb, noch bevor er seine Studie umfassend auswerten konnte. Sein Kollege und Nachfolger Otto Pretzl (1893-1941), der mitunter auch im Auftrag des militärischen Geheimdienstes unterwegs war, setzte seine Forschungen fort. Auch er knipste mit seiner Leica-Kamera diverse Koranhandschriften ab. Bergsträsser und Pretzl wollten also den Nachweis erbringen, dass der Koran kein von Gott offenbartes, sondern ein weltliches Produkt sei, und zwar abgeschrieben von der Bibel.

In verschiedenen Quellen ist die Rede von 12.000 bis 40.000 Manuskripten, die miteinander verglichen wurden. Die Auswertung indes sei eine bittere Enttäuschung gewesen, denn mit Ausnahme von einigen Abschreibfehlern konnte man keine Unterschiede zwischen den verglichenen Manuskripten ausmachen.
Fast ein halbes Jahrhundert war man der Ansicht, dass der Koran als literarischer Text nichts mehr hergebe. Folglich verlagerte man den Schwerpunkt der Forschung nach 1945 auf das Leben und die Psyche des Propheten Muhammad, von dem es heiß, er sei der Autor des Korans.

Aus dieser deutschsprachigen Koran- und Prophetenforschung haben sich zwei vermeintlich konkurrierende Lager von Islamwissenschaftlern beziehungsweise Orientalisten herauskristallisiert: Die Gruppe der Saarbrücker und die der Berliner Islamwissenschaftler:

Die hauptsächlich dem katholischen Lager zuzurechnenden Saarbrücker wollten in dem Propheten Muhammad den Verteidiger eines authentischen Urchristentums sehen, der sich auf die Arabische Halbinsel zurückzog und dort seine Ansichten gegenüber den Lehren der Juden und der byzantinischen Christen verteidigte. Auf diesen Zug sprang auch der Münsteraner Professor Sven Kalisch auf, der dem Islam nach heftigen Kontroversen um die Existenz des Propheten Muhammads (die er zunehmend in Frage stellte) inzwischen den Rücken gekehrt hat. Die Saarbrücker Gruppe hat sich mit der Restaurierung und Katalogisierung von rund 35.000 alten Koranfragmenten aus dem Jemen einen Namen gemacht.

Die Berliner Islamwissenschaftler haben sich um die orthodox-christliche Wissenschaftlerin Angelika Neuwirth geschart. Ihrer Auffassung zufolge ist der Koran das Resultat von interreligiösen Debatten der im Orient ansässigen Religionen. Aus dieser interaktiven Kommunikation zwischen dem Propheten Muhammad und seiner Gemeinde auf der einen Seite sowie der Juden, Christen und Polytheisten auf der anderen Seite sei dann der Koran entstanden. Der Koran sei demnach nicht vom Himmel herabgesandt worden, sondern ein Produkt der spätantiken gesellschaftlichen Zustände und Rahmenbedingungen. Wenn man den Koran (als ein solches Produkt) verstehen will, müsse man den geistesgeschichtlichen Kontext der Spätantike (Ursache) erforschen.

Doch was war eigentlich aus dem Gotthelf-Bergsträsser-Archiv geworden? Damit an die Öffentlichkeit zu treten, hatte man sich wohl nicht so recht getraut. Otto Pretzl starb 1941 bei einem Flugzeugabsturz, und der Zweite Weltkrieg tat sein Übriges. Die Weltöffentlichkeit beschäftigte sich damals mit anderen Dingen. Nach dem Krieg ließ man verlauten, alle Archive der Korankommission seien 1944 bei der Bombardierung von München zerstört worden. Die Forschung der beiden Orientalisten geriet in Vergessenheit - und mit ihr auch ihr peinliches Resultat: nämlich dass der Koran von heute tatsächlich mit dem Koran von damals identisch war. So ersparte man sich, vor einer Verheißung des Korans kapitulieren zu müssen: "Wahrlich, Wir, Wir Selbst haben diese Ermahnung (Koran) hinabgesandt, und sicherlich werden Wir ihr Hüter sein." (15:9).

Lange Zeit schenkte man dem Mythos von den zerstörten Archiven Glauben. Doch über ein halbes Jahrhundert später, 2008, kam plötzlich die Wahrheit ans Licht, dass sich die Archive die ganze Zeit über in der Obhut von Anton Spitaler (1910-2003) befunden hatten, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter der Korankommission von 1930. 2002 machte ein anonymer Autor, möglicherweise jemand aus der Saarbrücker Gruppe, zum ersten Mal auf die Existenz der Archive aufmerksam. Rund sechs Jahre später gab Prof. Angelika Neuwirth zu, im Besitz der Archive zu sein. Spitaler, deren Schülerin sie war, habe ihr die Dokumente 1990 übergeben.
Weshalb Spitaler fast 50 Jahre zu diesen Archiven schwieg und warum er sie dann stillschweigend an seine Schülerin übergab, bleibt ungeklärt. Auch wissen wir nicht, weshalb Angelika Neuwirth die Existenz des Archivs über 18 Jahre lang (bis 2008) verschwieg. Eines aber ist dafür umso klarer: Aus den Trümmern dieser Archive ging 2008 der Corpus Coranicum hervor, ein Projekt, dass 10 Jahre durch öffentliche Mittel gefördert wird. Was einst an der Bayrischen Akademie der Wissenschaften begann, soll nun an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften fortgeführt werden.

Das damalige Ziel hat weiterhin Bestand: endlich einen historisch-kritischen Koran im Geiste von Abraham Geiger herauszugeben beziehungsweise einen Urkoran, wie ihn sich der Orientalist Günter Lüling einst gewünscht hatte. Ganz gleich, wie man zu diesem Projekt stehen mag, eines jedenfalls ist sehr verdächtig: Noch vor Abschluss der Studie, der für 2018 anvisiert ist, nimmt die Berliner Gruppe bereits wie selbstverständlich vorweg, dass der Koran ein durch die historischen Umstände determiniertes Produkt sei.

Angelika Neuwirth unterstellt der Saarbrücker Gruppe politische Motive, kann sich aber selbst keineswegs davon freisprechen. Mit neutraler Forschung hat das wenig zu tun. Anscheinend hat sich die Motivation seit Geiger und Bergsträsser kaum verändert. Denn wie lässt sich von Objektivität sprechen, wenn sie schon heute Ergebnissen vorgreift, die sie doch erst 2018 - in 8 Jahren also - erbringen möchte, und wenn sie den Muslimen bereits im Voraus rät, ihren ontologischen Wahrheitsanspruch aufzugeben, so sie denn nicht unmündig bleiben wollen? Inwieweit eine solche Wissenschaft objektiv sein kann, ist mehr als nur fragwürdig.
Auf den ersten Blick scheinen sich die Saarbrücker und die Berliner Gruppe spinnefeind zu sein. Doch bei genauerem Hinschauen erkennt man, dass sie im Gegenteil gar nicht so schlecht aufeinander zu sprechen sind und dass durchaus gegenseitige Wertschätzung vorhanden ist. Die Thesen der Saarbrücker finden in den Arbeiten der Berliner Zuspruch und umgekehrt. In Münster konnte man sich unlängst im Rahmen eines Vortrages von Frau Neuwirth (11.07.2009) ein Bild davon machen, dass der Corpus Coranicum ein politisch motiviertes Projekt ist.

Dort erklärte sie, die Sure Al-Ikhlas sei sozusagen eine schlechte Kopie des Nicäno-Konstantinopolitanums (Glaubensbekenntnis). Dies erkenne man - angeblich - an der Ungrammatikalität des Wortes Ahad (das eigentlich Vahid heißen müsste), die auf einen anderen (Ursprungs-) Text hinweise. Laut Neuwirth geht die gegenwärtige Koranforschung in die Richtung, gerade den gläubigen Muslimen eine Sprache anzubieten, die sich nicht auf einen ontologischen Wahrheitsanspruch beruft.

Diese Sprache verspreche ihnen Mündigkeit. Nur stellt sich in dem Zusammenhang doch fast zwangsläufig die Frage, ob man den Koran wirklich verstehen oder ihm eine bestimmte Richtung zuweisen will. Schließlich stellt doch jede solche Richtungszuweisung einen Eingriff dar, der eine Veränderung des Forschungsgegenstandes zur Folge hat.

Daneben zeigt die christlich motivierte Koranforschung auch, welches Bild die hiesige Mehrheitsgesellschaft von ihrer muslimischen Minderheit hat und wie sie mit ihr umzugehen pflegt. Man kommt nicht umhin zu fragen, ob die deutsche Orientalistik/Islamwissenschaft mit einer solchen Koranforschung versucht, eine Art intellektuelle Autorität über die Muslime und den Orient auszuüben. Damit aber gar nicht erst der Eindruck westlich-christlicher Voreingenommenheit und Überheblichkeit entsteht, überlässt man die Ausübung dieser Autorität muslimischen Reformdenkern, denen mit dieser Forschung effektiv zugearbeitet wird.
Leider haben die deutschen Koranforscher der Saarbrücker und der Berliner Gruppe offenbar bislang übersehen, dass derzeit in der muslimischen Welt (unter der Leitung der Türkischen Stiftung für Religion und der OIC [Organisation der Islamischen Konferenz]) bedeutende Koranforschungen laufen, deren Ergebnisse seit September diesen Jahres in Istanbul auch der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Insgesamt wurden in den vergangenen 10 Jahren vier komplette Koranexemplare aus der Zeit der Kalifen Uthman ibn Affan (644-656) und Ali ibn Talib (656-661) mit Koranexemplaren aus späterer Zeit verglichen.
Von September bis Dezember werden in Istanbul im Museum für türkisch-islamische Künste 250 Koranexemplare und Manuskripte aus 1400 Jahren islamischer Geschichte ausgestellt. Zur Eröffnung am 4. September haben sich schon jetzt namhafte Forscher und Wissenschaftler u.a. aus dem Louvre, dem Metropolitan, dem British Museum und dem Museum für Islamische Kunst in Berlin angekündigt.

Es steht zu hoffen, dass die neue Generation deutschsprachiger Koranforscher in Zukunft weiter über den eigenen Tellerrand hinausschauen und die reichen Forschungen der muslimischen Welt mitberücksichtigen wird. Denn Thriller und Intrigen sind ganz bestimmt keine Prädikate, die einem Forschungszweig zur Ehre gereichen.

Aus der islamischen Zeitung

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