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Die Bedeutung der Sozialwissenschaften für die Gesellschaft
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Alparslan Acikgenc

Die Sozialwissenschaften führen vor allem in unterentwickelten Gesellschaften ein Schattendasein. Dies haben sie aber zum Teil selbst zu verantworten, wenn es ihnen nicht gelingt, ihre Fähigkeiten in den Dienst der Gesellschaft zu stellen und zu materiellem Wohlstand oder einem hohen kulturellen Niveau beizutragen. Tatsache ist, dass wir dazu neigen, den Naturwissenschaften und der Technologie einen höheren Stellenwert zuzumessen, weil deren Früchte konkreter sind und uns unseren Alltag verschönern. Leider sind wir nicht in der Lage, die Rolle anderer Wissenschaften am wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt richtig einzuschätzen. Dies liegt vielleicht daran, dass sich z.B. die meisten Arbeitsbereiche der Sozialwissenschaften mit abstrakten Sachverhalten beschäftigen. Diese Sachverhalte sind nicht sichtbar, sondern lassen sich nur mit dem Verstand und der Wahrnehmung erfassen. Was aber nimmt unser Verstand eigentlich wahr? Die Beantwortung dieser Frage wird uns vor Augen führen, dass die Sozialwissenschaften schon in der Vergangenheit sehr einflussreich waren und auch für die Zukunft gut gerüstet sind.

Auf der Suche nach Elementen, die zwar unsichtbar, dennoch aber mit dem Verstand sehr wohl wahrnehmbar sind, stoßen wir schnell auf die unterschiedlichen Geisteshaltungen der Menschen. Tatsächlich ist alles, was wir tun, durch unsere individuelle Geisteshaltung gekennzeichnet. Wenn wir keine Geisteshaltung besitzen, die der Wissenschaft offen gegenübersteht, ist unsere Fähigkeit, zu forschen und Wissenschaft zu betreiben, durch diesen Umstand stark beeinträchtigt. Aus ethischer Perspektive können wir die Frage stellen: Sind Wissenschaft und Fortschritt in einer Gesellschaft, der es an einer ethischen Geisteshaltung mangelt, überhaupt möglich? Kann eine Gesellschaft, deren ethische Geisteshaltung lädiert ist, ihre sozialen Probleme lösen? Natürlich ließen sich problemlos noch weitere Fragen formulieren, klar wird aber schon jetzt: Die unterschiedlichen Geisteshaltungen sind ein Themenschwerpunkt der Sozialwissenschaften. Daher ist jede menschliche Gesellschaft auf die Existenz und eine wirkungsvolle Tätigkeit der Sozialwissenschaften angewiesen. Ein Beleg für diese These ist auch die Tatsache, dass in allen hoch entwickelten Zivilisationen in der Menschheitsgeschichte die Sozialwissenschaften schon von Anfang an eine wichtige Rolle spielten. Die Sozialwissenschaften sind also tragende Stützen, die das unverzichtbare Gerüst für andere Wissenschaften und Technologien bilden. Ohne die Entfaltung der Sozialwissenschaften haben auch andere Wissenschaften nicht die Chance zu blühen und zu reifen. Werfen wir nun einen Blick auf das Thema aus der Perspektive der Sozialwissenschaften selbst.

So wie in allen anderen Wissenschaften gibt es auch in den Sozialwissenschaften einen ‚Standpunkt‘ gegenüber der Wissenschaft und eine ‚Methode‘, die sich aus diesem Standpunkt ableitet. Der Standpunkt beschreibt das, was wir aus dieser Wissenschaft schöpfen. Daher können wir ihn als ‚wissenschaftliches Verstehen‘ oder als ‚wissenschaftliche Geisteshaltung‘ bezeichnen. Die Methode wiederum ist eine Form, Wissenschaft in die Praxis umzusetzen, die durch das wissenschaftliche Verstehen hervorgebracht und entwickelt wurde. Diese zwei Aspekte sind zwar nicht voneinander zu trennen. Andererseits weisen sie aber auch zwei Unterschiede auf: Wissenschaftliches Verstehen ist abstrakter und auf Begrifflichkeiten fixiert, während wissenschaftliche Methoden konkreter und empirischer sind. Das wissenschaftliche Verstehen ist also eine Geisteshaltung und besitzt einen eigenen Platz innerhalb einer allgemeinen Weltsicht oder Denkweise des Menschen. Die wissenschaftliche Methode hingegen ist eine Verhaltensform im Rahmen dieses wissenschaftlichen Verstehens.

Eine wissenschaftliche Geisteshaltung entsteht durch einen Prozess, in dem sich eine allgemeine Weltsicht herausbildet. Sie kann sich nicht unabhängig von unserer Weltsicht entwickeln. Menschliche Faktoren spielen in diesem Prozess eine sehr wichtige Rolle. Hier sind insbesondere vier Punkte entscheidend:

  1. das Milieu, in dem der Prozess seinen Ursprung nimmt. Dieses Milieu nennen wir in einem allgemeinen Sinne ‚Zivilisation‘ und in einem spezielleren Sinne ‚Kultur‘;
  2. die Sprache, die für die Entwicklung des Prozesses benutzt wird;
  3. die Bildung, die dem Prozess Dynamik verleiht;
  4. die Aneignung von wissenschaftlichem und technologischem Wissen zu der Zeit, in der der Prozess seinen Anfang nimmt.

Jeder einzelne dieser Punkte trägt auf seine Weise zur Entwicklung und Entfaltung einer neuen Denkweise bei. Aber das, was diese Punkte letztlich hervorbringt und bedeutungsvoll macht, sind die Sozialwissenschaften. Dies lässt sich schön an einem Beispiel veranschaulichen:

Jemandem, der in einer Phase, in der sich eine neue wissenschaftliche Geisteshaltung gerade herauszubilden beginnt, zu einem Ingenieur oder zu einem Arzt (zu Naturwissenschaftlern) geht anstatt zu einem Spezialisten (einem Sozialwissenschaftler), wird es ergehen wie einem Kranken, der sich in die Obhut eines Ingenieurs begibt, und nicht in die eines Arztes. Es gibt nämlich durchaus Menschen, die besonders auf die Formierung einer Geisteshaltung und auf die Sozialwissenschaften spezialisiert sind. Und sie sind die einzigen, an die man sich in einer solchen Phase wenden sollte. Meiner Meinung nach ist auch die Gesellschaft von heute dringend auf das Hervorbringen neuer Geisteshaltungen angewiesen. Die Bedeutung der Sozialwissenschaften wird dadurch mit Sicherheit nicht geschmälert, denn wissenschaftliche Aktivitäten verfügen immer über eine dynamische Struktur, die sich unablässig verjüngt und sich ständig weiterentwickelt. Die Sozialwissenschaften sind und bleiben also die Grundpfeiler der wissenschaftlichen Basis.

Unsere Weltsicht besteht aus einer Kombination unterschiedlicher z.B. ethischer, traditioneller oder kultureller Geisteshaltungen (, zu denen auch die bereits erwähnte wissenschaftliche Geisteshaltung gehört). Der unmittelbare Bezugsrahmen individueller Geisteshaltungen ist die Denkweise des Menschen. Darüber hinaus wirken sich diese Geisteshaltungen aber auch auf Kultur, Erziehung, Wissenschaft und Technik aus, die allesamt zur Formierung einer Denkweise beitragen.

Wissenschaftliche Aktivitäten folgen wissenschaftlichen Methoden, die wiederum unter der Kontrolle wissenschaftlicher Geisteshaltungen stehen. Diese Aktivitäten bescheren uns eine bestimmte Art von Wissen, dessen Anhäufung dazu führt, dass wir unser früheres wissenschaftliches Verstehen und unsere früheren wissenschaftlichen Methoden in Frage stellen. Dann werden wir unsere wissenschaftliche Geisteshaltung und unsere wissenschaftliche Methode umgestalten und weiterentwickeln. Der hier beschriebene Prozess ist dafür verantwortlich, dass wissenschaftliche Geisteshaltung und Methode, die sich ja ständig weiterentwickeln, von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Abschließend ist festzuhalten, dass jede einzelne Disziplin der Wissenschaft eine wichtige Rolle für Kultur und Zivilisation spielt. Ganz sicher kann nicht die Rede davon sein, dass irgendeine Wissenschaft anderen Wissenschaften überlegen wäre. Wenn wir jedoch die Strukturen der Geisteshaltungen in Betracht ziehen, die ja von Natur aus die Basis aller Wissenschaften bilden, dann genießen die Sozialwissenschaften gegenüber anderen Wissenschaften Priorität. Das 21. Jahrhundert wird mit Sicherheit ganz im Zeichen der Sozialwissenschaften stehen, weil sich neue Geisteshaltungen entwickeln müssen und werden. Und hier setzen die Sozialwissenschaften unverzichtbare Akzente.

(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 18, 2002)

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