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Guy Meynen
Das post-kommunistische Phänomen wirtschaftlicher Globalisierung tendiert dazu, die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden zu lassen. Diese ökonomische Kluft hat bereits geographische Dimensionen angenommen. Schon jetzt ist die Menschheit in eine 1. und eine 3. Welt gespalten. Dieser Prozess gefährdet die demokratischen Systeme weltweit, vor allem aber in ärmeren Ländern, die noch nicht auf jahrhundertelange demokratische Traditionen zurückblicken können. Ihnen droht der Rückfall in alte politische Strukturen, da ihnen keine Zeit eingeräumt wird, in der sie sich stabilisieren könnten. Auf den ersten Blick mögen ökonomische Überlegungen und Weichenstellungen für Not leidende Menschen wichtiger erscheinen als die Frage nach dem politischen System. Demokratische Verhältnisse können aber sehr wohl auch zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Situation führen. Diesen Beweis haben die westeuropäischen Staaten längst erbracht. Außerdem sollte die Demokratie die negativen Auswirkungen der Globalisierung dämpfen oder sogar ganz überwältigen können.
Viele Stimmen behaupten, Islam und Demokratie würden nicht zusammenpassen. Daher sollten sich Muslime in Europa auch von politischer Betätigung aller Art fern halten. Dieser Artikel möchte aber aufzeigen, dass zwischen Islam und eben dieser politischen Betätigung kein Widerspruch besteht. Auch Muslime sollten sich politisch engagieren und so zu einer Verbesserung der schon bestehenden Demokratien beitragen.
Die Bedeutung harmonischer Beziehungen
Menschen sind soziale Wesen, die in ein verflochtenes Netzwerk von Beziehungen eingebunden sind. Niemand kann sich diesem Netzwerk ganz entziehen, denn wer kann schon ohne andere Menschen überleben? Um aber Konflikte mit unseren Mitmenschen zu vermeiden, müssen wir uns stets darum bemühen, dass unsere Beziehungen von Harmonie geprägt sind. Griechische Philosophen haben den Menschen als ein zoon politicon charakterisiert, ein soziales, politisches Lebewesen. Damit meinten sie, dass jeder Mensch zwangsläufig politisch handelt - egal was er tut und wie er sich verhält.
Für gläubige Menschen und gerade auch für Muslime ist der Glaube eine fundamentale Komponente des menschlichen Lebens. Und sogar manche Agnostiker (Menschen, die das übersinnliche Sein für unerkennbar halten) schätzen das spirituelle Leben und erkennen dessen ethische Vorzüge an. Spirituelle und politische Betätigung wiederum lassen sich gar nicht voneinander trennen. Sowohl politisches als auch spirituelles Handeln sind ein fester Bestandteil des Lebens jedes einzelnen Menschen. Dieses ganzheitliche Prinzip findet sich sowohl in bestimmten christlichen Denkschulen als auch in der islamischen Tradition. Berühmte europäische Vertreter dieser Richtung sind Dag Hammarskjold, Thomas Masaryk und Vaclav Havel.1 Auf muslimischer Seite sind z.B. Salima Ghezali und Prof. Abu Zaid als Politiker zu bezeichnen, die ihre politische Haltung und ihre religiöse Grundanschauungen miteinander verbinden.2 Doch bevor wir dieses Thema weiter vertiefen, möchte ich zwei Punkte klarstellen:
Erstens sind in diesem Zusammenhang zwei Arten von Politik zu unterscheiden. Bei der Machtpolitik geht es um die geeigneten Strategien von Individuen und Gruppen, die sich in eine Position befördern möchten, in der sie Macht über andere ausüben können. Unter der Politik, über die ich hier sprechen möchte, ist eher das langfristig orientierte Vorgehen zur Lösung sozialer Probleme zu verstehen. Dieser Art von Politik widmeten sich schon die klassischen griechischen Philosophen mit ihrem Konzept der politeia (der Regierung von Stadt, Gemeinschaft oder polis3 ).
Zweitens werde ich den Begriff ‚Islam‘ nicht im politischen Kontext des Arabismus, politischer Rituale oder selbst ausgerufener islamischer Staaten gebrauchen, sondern so, wie im Koran beschrieben - in seiner wortwörtlichen Bedeutung als monotheistische Religion, als Glaube an die Einheit Gottes und an eine Schöpfung, die alles umfasst. In diesem spirituellen Kontext ist jeder Mann und jede Frau, der oder die ein gewisses Alter erreicht hat und im Vollbesitz seiner oder ihrer geistigen Kräfte ist, voll für sein bzw. ihr Handeln verantwortlich.
Im Kontext dieser Grundwahrheit bedeutet ‚Islam‘ die Anerkennung jener Verantwortung und den Gebrauch des von Gott gegebenen Verstandes, um auf dem rechten Pfad zu bleiben. Dieses Islam-Verständis bietet weder Platz für religiöse Hierarchien, die von Menschen eingesetzt werden, noch für Fatalismus und Passivität. Denn Verantwortung zu übernehmen heißt, zu wählen und sich nicht von anderen dirigieren zu lassen.
Spiritualität und Gesellschaft
Auf der Suche nach einer Balance zwischen islamischer Identität und politischer Betätigung kann uns die berühmte Redewendung al-islam din wa dunya (der Islam ist Spiritualität und Gesellschaft) als ein Ausgangspunkt dienen.
Dinbezieht sich auf den Islam in seiner Gesamtheit. Dessen wichtigstes Fundament sind die Grundpfeiler des Islam: Glaube, Pflichten, äußere Prinzipien (die Sharia), innere Erfahrung (Sufismus) und der Kampf gegen das Selbst (Dschihad). All diese Grundpfeiler zusammengenommen sind es, die den Islam in der Gesellschaft repräsentieren. In diesem authentischen Islam existiert keine religiöse oder säkulare Hierarchie, die als Mittler zwischen den Gläubigen und Gott dienen würde. Dieser Umstand wird leider sehr häufig übersehen oder ignoriert. Unterschiedliche Interessengruppen und Individuen haben den Islam oft staatlichen Strukturen, nationalen Gemeinschaften, politischem Nationalismus, Stammesgesellschaften und sogar politischen Parteien aufgezwungen. Solche Bemühungen werden dem Islam aber nicht gerecht, sondern missbrauchen ihn stattdessen.
Dunyabezieht sich auf die menschliche Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. Gemeint ist hier jedoch keine mono-religiöse Gesellschaft, sondern eine Gesellschaft, in der verschiedene Religionen und philosophische Gemeinschaften ihren Status als Bürger nutzen und zum Wohlergehen aller beitragen. Ein Beispiel für dieses Konzept stellen die europäischen humanistischen Vereinigungen dar, deren Mitglieder auch Atheisten, Agnostiker oder spirituell orientierte Menschen ohne genaue Zuordnung sein können.
Es gibt keinen Grund dafür, dass Muslime solchen Gruppen gegenüber voreingenommen sind. Denn ihre Mitglieder sind weder anti-islamisch noch Ignoranten. Nicht religiös zu sein, bedeutet nicht gleichzeitig, gegen die Religion zu sein. Vereinigungen dieser Art kämpfen genauso für die Würde und die Verantwortung des Menschen, wie Muslime dies tun sollten, wobei sie die Probleme aus einer anderen Perspektive heraus angehen. Dunya ist ein sehr umfassendes Konzept, dessen einzelne Aspekte (wie z.B. Psychologie, Politik, Kunst, Wissenschaft, Sexualität und Geschichte) sich sehr stark gegenseitig beeinflussen.
Im Laufe der über 1400 Jahre währenden islamischen Geschichte kam es zu ebenso vielen Missbräuchen wie Korrekturen dieses Konzepts. Der authentische Islam hat zwar längst nicht immer triumphiert, aber noch immer trägt er das Versprechen einer lebenswerten Zukunft in sich. Die heute lebenden Muslime haben es in der Hand, den Grundstein zu dieser Zukunft zu legen.
Kirche und Staat
Die europäischen Staaten und mit ihnen auch die Europäer stehen allen Versuchen, Staat und Kirche miteinander zu vereinen, äußerst skeptisch gegenüber. Wenn man sich anschaut, welche traumatischen Entwicklungen solche Versuche in der Vergangenheit genommen haben, ist ihre Haltung auch absolut nachvollziehbar und verständlich.
Die erste historische Erfahrung, die ich in diesem Zusammenhang nennen möchte, konnten die Muslime am eigenen Leibe verspüren: Die Rede ist von den Kreuzzügen.4 Die ‚Befreiung des Heiligen Landes‘ war römisch-katholischen Gelehrten zufolge ein Albtraum für die griechischen und morgenländischen christlichen Gemeinschaften. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die unabhängigen Kreuzfahrerstaaten einander bekämpften und dass schon 4 Jahrhunderte vor den Kreuzzügen Muslime in Jerusalem lebten, erweist sich die offizielle Geschichtsschreibung zum Thema ‚Kreuzzüge‘ als falsch. Alle an ihnen beteiligten Gemeinschaften erlitten bleibende Schäden, misstrauten sich fortan gegenseitig und standen sich auf lange Zeit feindselig gegenüber. Freundschaftliche Beziehungen zwischen Muslimen und Christen beschränkten sich auf die Handelseliten. Zwischen den ‚normalen‘ Muslimen und Christen blieb nichts als Hass.
Vier Jahrhunderte später, mit Luthers5 Anklage gegen die Katholische Kirche, wurde Europa zum Schlachtfeld zwischen katholischen und protestantischen Armeen. Reformation und Gegenreformation, die im 16. und frühen 17. Jahrhundert wüteten, überzogen Europa mit unvorstellbarer Grausamkeit und Schrecken. Diese blutige Episode endete erst 1648 nach dem 30-jährigen Krieg. Millionen von Menschen starben in den Kriegswirren, durch Feindeinwirkung oder an Hunger. Aus diesem Krieg ging niemand als Sieger hervor. Man erkannte aber zumindest, dass Kirche und Staat fortan wohl doch besser getrennte Wege gehen sollten. Ihre Trennung wurde mit geringfügigen Abweichungen und anderen Akzenten dann auch während der Französischen Revolution (1789-1799) betont. Das Bestreben, den Einfluss von Kirche und Religion auf das öffentliche Leben einzuschränken oder auszuschalten, nennt man Laizismus.
Doch noch bevor dieses Prinzip Einzug hielt, wurde die individuelle Religionsfreiheit dadurch beschnitten, dass man verschiedene christliche Konfessionen unterschiedlichen Staaten zuteilte (England z.B. war ganz anglikanisch, während in Irland nahezu ausschließlich Katholiken lebten.). Zur gleichen Zeit war das Osmanische Reich schon viel weiter fortgeschritten. Dort lebten die Anhänger der unterschiedlichsten Religionen friedlich in einem einzigen Staatswesen zusammen.
Das 19. Jahrhundert wurde Zeuge einer Schwächung der kirchlichen Hierarchie, während die staatlichen Systeme gleichzeitig demokratischer wurden. Erneut bestand die Chance, Religion und Politik miteinander zu verknüpfen, diesmal auf demokratische Art und Weise.
Doch im 20. Jahrhundert wurden die wohl schlimmsten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit verübt. Begangen wurden sie von Systemen und Staaten, die alle vormals einflussreichen religiösen Konzepte ablehnten. So veränderte sich die Wahrnehmung der Religion erneut, nun aber zum Positiven. Von diesem neuerlichen Trauma schockiert beklagten die Menschen die Abwesenheit der Religion als mäßigende und Frieden stiftende Kraft.
Nach dem 2. Weltkrieg gelang es den laizistischen Staaten, ihre Struktur zu bewahren und ihre Grundprinzipien zu erneuern. Fast alle europäischen Nationen entschieden sich für die ein oder andere Form von Laizismus. Das bedeutet aber nicht, dass sie anti-religiös oder anti-islamisch wären. Wenn Laizismus und Demokratie nicht perfekt sind, dann müssen sie eben verbessert werden. Wir haben keine Veranlassung, den Laizismus als solchen zu kritisieren. Die entsprechenden Regierungssysteme sind eben Ausdruck einer alles andere als perfekten Vergangenheit.
Dieser Prozess der Verbesserung und Vervollkommnung der Demokratie wird von ökonomischen und kulturellen Faktoren bestimmt. Auch religiöse Gemeinschaften können ihn durchaus unterstützen, sofern ihre der Religion innewohnende treibenden Kräfte nicht von irgendeiner klerikalen Machtgruppe gebunden und missbraucht werden. Nur wenn sie dies nicht zulassen, sind sie in der Lage, auf demokratischer Basis Beziehungen zu anderen religiösen und philosophischen Gruppierungen bzw. zur Gesellschaft als Ganzer zu knüpfen und aufrechtzuerhalten.
Muslimische Gemeinschaften in Europa
Europäische Muslime leben als Minderheiten in vielen europäischen Ländern, in Monarchien gleichermaßen wie in Republiken oder anderen Staatsformen. Die Wahlsysteme dieser Länder unterscheiden sich ebenso wie die Zusammensetzung ihrer Parlamente und vieles andere mehr. Festzuhalten aber bleibt eines: In all diesen Ländern findet ein Gedankenaustausch zwischen Staat und Bürgern statt, und auch die einzelnen Bürger kommunizieren miteinander. Das Konzept wechselseitiger Konsultation findet sich auch im Koran: ...und deren Handlungsweise (eine Sache) gegenseitiger Beratung ist... (42:39) Der Koran empfiehlt also eine bestimmte Art und Weise, Politik zu betreiben, nicht eine bestimmte Organisationsform. Der Prophet erhielt nicht den Auftrag, einen Staat zu gründen oder einen Nachfolger zu benennen. Er wusste sehr genau, dass seine Aufgabe nur darin bestand, seiner Gemeinschaft Orientierung zu geben und sie zu beschützen. Dies bestätigen auch die Prophetentraditionen. Der Titel ‚Kalif‘, der in Koranvers 33:72 gebraucht wird, ist auf alle Menschen anzuwenden, und zwar in ihrer Eigenschaft als spirituelle Repräsentanten und Gefolgsleute Gottes. Im authentischen Islam besitzt dieser Begriff keine politische Funktion. Er und alle anderen Titel wurden erst nachträglich vom Menschen eingeführt.
Im Kontext der europäischen Gesellschaft kann und sollte die shura die Form demokratischer Konsultation annehmen. In all den Jahren breiten gegenseitigen Misstrauens haben europäische Bürger und islamische Gemeinschaften oft bewusst oder unbewusst lokal oder sogar national operierende politische Institutionen gegründet, die nur der jeweils eigenen Klientel vorbehalten waren. Wenn von Seiten der Mitglieder umstrittener islamischer Organisationen die Behauptung erhoben wird, die Demokratie sei korrupt, ineffizient oder veraltet, sollte man sie darauf hinweisen, dass ihre Distanzierung von der Gesellschaft die Situation nur schlimmer macht.
Dem Koran zufolge sind bestimmte Elemente der Botschaften Gottes an die Menschen in den Heiligen Schriften aller Propheten zu finden. Wir dürfen also durchaus davon ausgehen, dass das, was der Prophet Muhammad für besonders wichtig hielt, auch allen anderen Propheten am Herzen lag. Man schaue sich nur einmal das Beispiel Moses an, der - so steht es sowohl in der Bibel als auch im Koran geschrieben - von Gott gesandt worden war, um sein versklavtes Volk aus der Gefangenschaft zu führen und zu inspirieren. Moses begab sich zum Pharao und bat ihn unter Einsatz seines Lebens um Mäßigung und Gerechtigkeit. Natürlich wies der Pharao sein Anliegen zurück und wurde sogar noch grausamer. Aber dann griff Gott Selbst ein, und Moses führte sein Volk auf einer langen und gefährlichen Reise in ein Land, in dem es den Worten Gottes zufolge Freiheit und Gerechtigkeit finden würde.
Auf diesem langen Marsch entstand die jüdische Identität. Moses bot seinem Volk weder ein fest umrissenes Staatsgebiet, noch wurde er je selbst Staatsoberhaupt. Nein, seine Autorität wurde zu jener Zeit sogar herausgefordert. Das grundlegende Element der Reise des Mose war damals die Dynamik des prophetischen Handelns. Gleiches gilt auch für die Auswanderung des Propheten Muhammad nach Medina, wo er in einer aufgeschlossenen Atmosphäre die Gemeinschaft der Muslime begründete.
Vom moralischen Standpunkt aus betrachtet, dürfte Vaclav Havel einer der bedeutendsten europäischen Politiker der Gegenwart sein. Er repräsentiert seine religiöse Sichtweise auf diskrete Art und Weise, ohne dabei die Mitgliedschaft in einer bestimmten religiösen Gemeinschaft in den Vordergrund zu stellen oder eine Art Führungsrolle für sich zu beanspruchen. In seinem Vorgehen ist er ganz Demokrat, und seine Religion betrachtetet er nur als eine Motivation zu handeln. Aber genau das ist es, was zählt. Insofern ähnelt er seinem Amtsvorgänger Masaryk, der Philosoph und Literat war, bevor er politische Verantwortung übernahm. Auch wenn dieser im Vergleich zu Staatsmännern wie Churchill oder de Gaulle oft unterschätzt wird, war sein Leben doch genauso abenteuerlich wie ihres, obwohl sein Land doch viel kleiner war.
Europäische muslimische Intellektuelle und Politiker in spe sind gut beraten, wenn sie die Lebensläufe und Entscheidungen dieser beiden Politiker studieren, denn beide sind der engstirnigen Falle des Nationalismus entkommen, in die so viele arabisch-muslimische Politiker getappt sind. Für Masaryk und Havel bedeutete Nationalismus einzig und allein die Bewahrung des kulturellen Erbes, mit der die Identität des Volkes gegenüber jeglicher Form von Unterdrückung gestärkt wird. Diese Form von Nationalismus ist ein wertvolles Geschenk, das die Menschheit sorgsam hüten sollte.
Havel begann seine politische Karriere, indem er einen Brief an Präsident Gustav Husak schrieb, um sich über die Ungerechtigkeit des sowjetischen Einmarsches in die Tschechoslowakei zu beschweren. Husak aber wies alle Kritik von sich und ähnelte in dieser Beziehung dem Pharao. Deshalb ist es vielleicht gar nicht so weit hergeholt zu fragen: Gibt es Parallelen zwischen dem Handeln Mose und dem Havels? Aufschlussreich ist jedenfalls die Tatsache, dass beide Männer, der eine Prophet und der andere Politiker und Philosoph, kein Verlangen nach Macht verspürten. Fragen wie diese können Muslime wie Christen inspirieren. Und außerdem: Betrachten Muslime den Untergang des Kommunismus, zu dem Havel ja beigetragen hat, nicht oft als ein symbolisches oder gar religiöses Ereignis?
Fazit
Da die europäischen Muslime die gleichen Probleme haben wie der Rest der Bevölkerung, wären Absonderung und Rückzug aus der Gesellschaft sicherlich die falsche Lösung. Die Bewahrung des religiösen, kulturellen und sprachlichen Erbes ist natürlich sehr wichtig, sollte aber primär auf kulturellem, und nicht auf politischem Wege verwirklicht werden.
Der gegenwärtig zu beobachtende Trend, dass sich Muslime unterschiedlichen politischen Parteien und Gruppierungen anschließen, ohne eine eigene reine Muslim-Partei zu bilden, stimmt hoffnungsvoll. Das Entstehen einer Muslim-Partei ist meines Erachtens nicht wünschenswert und würde negative Folgen nach sich ziehen. Andere Parteien, die eine solche Muslim-Partei aus welchen Gründen auch immer für nicht islamisch genug oder für zu islamisch hielten, könnten schnell auf die Idee kommen, andere ähnliche Splitterparteien zu gründen. Die Gesellschaft würde dadurch nur weiter polarisiert. Viel erstrebenswerter ist hingegen eine verstärkte Kommunikation zwischen bereits existierenden Parteien und zwischen Bürgern und Politikern. Diese Vorgehensweise steht auch ganz im Einklang mit dem Koran.
Überall dort, wo die Demokratie von Politikern und politischen Ideologien bedroht ist, die demokratischen Strukturen keinen Respekt entgegenbringen oder Diskriminierung und Rassismus propagieren, bildet eine politisch bewusste Haltung der Bürger einen wirksamen Gegenpol. Muslimische Politiker sollten mit gutem Beispiel vorangehen und sich aktiv dafür einsetzen, dass alle demokratischen Parteien eine gerechte und ehrliche Politik verfolgen. Damit bewirken sie allemal mehr als mit Schwarzmalerei oder dem Gegenteil, ständigen Versicherungen, es sei ja alles gar nicht so schlimm. Zur aktiven Gestaltung der Politik gehört ganz bestimmt auch, Politikern, die mit rassistischen Parolen auf Stimmenfang gehen, entschieden entgegenzutreten.
(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 17, 2002)
1 Dag Hammarskjold (1905-1961), schwedischer Wirtschaftswissenschaftler und von 1953-1961 Generalsekretär der Vereinten Nationen. Hammarskjold wurde besonders dafür geschätzt, dass er seine große moralische Stärke geschickt in internationalen Konferenzen und Verhandlungen einzubringen wusste. Tomas Masaryk (1850-1937) war Gründer und von 1918-1935 erster Präsident der Tschechoslowakei. Vaclav Havel (*1936): Prominenter tschechischer Schriftsteller, Dichter und politischer Dissident, der nach dem Fall des Kommunismus zwischen 1989 und 1992 Präsident der Tschechoslowakei und danach Präsident der Tschechischen Republik war.
2 Salima Ghezali: Algerische Herausgeberin der Zeitung al-Watan (Die Nation). Sie wurde für ihre mutige Kritik an der algerischen Militärregierung und den islamistischen Terrorgruppen mit dem Sacharowpreis ausgezeichnet. Prof. Nasr Hamid Abu Zaid ist ein Korangelehrter aus Kairo, dessen kritische Koraninterpretation ihm die Verfolgung durch ägyptische Intellektuelle eintrug. Diese stempelten ihn als Ketzer ab und ordneten die Zwangsscheidung von seiner Ibtihal Younes an. Das Paar lebt heute in den Niederlanden.
3 Polis: städtische Organisationsform, verwirklicht nur im Griechenland der Antike
4 Die Kreuzzüge: eine Serie von Kriegen, die zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert von europäischen Christen geführt wurden, um das Heilige Land von den Muslimen zurückzuerobern.
5 Martin Luther (1483-1546): Deutscher Priester und Gelehrter, der die zu seiner Zeit gängigen Praktiken der Religionsausübung in Frage stellte und damit die protestantische Reformation einleitete. Luther ist eine zentrale Figur der europäischen Geschichte und der Geschichte des Christentums.
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