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Rabia Savas
Sozialistische Ideale sind nicht erst seit Karl Marx fester Bestandteil der Menschheitsgeschichte. Schon Plato warb für Ideen, die man heutzutage als sozialistisch bezeichnen würde. Genau in der Mitte zwischen diesen beiden bedeutenden Denkern stand der Brite Thomas Morus (1478-1535), der traditionelle und moderne Utopien miteinander verknüpft. Seine Insel Utopia nimmt einerseits Bezug auf die Griechische Demokratie (siehe Einschub), während sie ihrerseits Marx beeinflusst. Wodurch zeichnet sich Morus Utopia aus?
Das Leben in Utopia
Die von Morus beschriebene fiktive Insel Utopia liegt südlich des Äquators und besteht aus 54 Städten. In ihr herrscht eine klassenlose Gesellschaft, in der alle Menschen gleichberechtigt sind, mit den gleichen Arbeiten beschäftigt sind und mindestens 6 Stunden täglich Dienst tun müssen. Da es sich bei Utopia um eine Ackerbaugesellschaft handelt, arbeiten alle Menschen auf dem Land. Dieser Umstand schafft gleiche Bedingungen für alle, sorgt dafür, dass niemand verhungert, und hält die Gier der Menschen nach immer mehr Besitztümern im Zaun.
Die Kleidung der Bevölkerung ist einfach und für den täglichen Gebrauch bestens geeignet. Selbst aufwändigere Materialien würden kaum mehr Schutz vor Kälte bieten oder den Menschen das Gefühl geben, sich besser zu kleiden. Um Protzerei vorzubeugen, werden die Wohnungen bzw. Häuser alle 10 Jahre getauscht. Außerdem sind die Menschen dazu angehalten, ihr Essen im Speisesaal einzunehmen. Unterschiede, die sich auf Geburt gründen würden, gibt es nicht, da Kinder nicht bei ihren Eltern bleiben, sondern ihren Wohnort immer wieder wechseln, um verschiedene Dinge zu erlernen. Da kaum zwischen Beruf, Kleidung, Wohnraum, Reichtümern oder Nutzung der Freizeit differenziert wird, existiert in dieser Gesellschaft auch so gut wie kein Hochmut.
In der Landwirtschaft, in der die Böden gemeinschaftlich bestellt werden, herrscht das Prinzip der Arbeitsteilung. Zumindest über einige wenige Kenntnisse in diesem Bereich verfügen alle Menschen, denn jeder ist verpflichtet, dem Gemeinwohl zu dienen. „Niemand ist dazu gezwungen, diese harte Arbeit gegen seinen Willen länger als zwei Jahre zu verrichten; doch viele bitten darum, länger dort eingesetzt zu werden, weil sie eine natürliche Freude aus dem Landleben ziehen.“1 Das Prinzip der Arbeitsteilung garantiert die Versorgung Utopias mit Nahrungsmitteln und ermöglicht all ihren Bewohnern, am zivilisierten Leben teilzunehmen. Wenn einmal ein großer Überschuss produziert wird, wird die Bevölkerung in Urlaub geschickt - keine Arbeit soll sinnlos verrichtet werden.
Die unterschiedlichen Gruppen, die es auch in Utopia gibt (z.B. Richter, Prinzen, Priester oder Intellektuelle), bilden keine sozialen oder ökonomischen Klassen. Prinzen und die so genannten ‚Syphogranten‘ sind vom Volk gewählte Autokraten. Die Bevölkerung gibt ihnen Macht, kann sie ihnen aber auch durchaus wieder nehmen. Spezialisten sind nicht vom Volk isoliert, sondern stehen Institutionen vor, in denen alle Menschen mitarbeiten können. Lernen wird als ein Mittel geschätzt und respektiert, das den Menschen die Möglichkeit gibt, ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Es gilt nicht als Attribut eines bestimmten hohen gesellschaftlichen Ranges.
Was macht dieses Utopia so erstrebenswert?
Thomas Morus erstes Anliegen war es, der Ausbeutung ein Ende zu machen. Der Luxus der führenden Klasse des 16. Jahrhunderts in Europa erfüllte ihn mit Abscheu. In ihm sah er den Hauptgrund dafür, dass die Landbevölkerung immer mehr verarmte. Würde also in Utopia die Armut abgeschafft, dürfte es auch keinen Luxus mehr geben. Morus hielt es für sinnlos, dem Gemeinwohl zu dienen, wenn die ganze Arbeit der Bauern doch nur einer kleinen Minderheit zu Gute kam.
Stolz und Hochmut galten Morus und den Anhängern seines Utopias als Sünden, die in einer klassenlosen Gesellschaft keinen Platz haben hatten. Der portugiesische Reisende Raphael Hythloday, durch dessen Mund Morus selbst in seinem Werk spricht, sagt: „Menschen und Tiere sind deshalb gierig und gefräßig, weil sie Angst haben, Mangel leiden zu müssen. Nur der Stolz des Menschen sonnt sich in dem Licht, andere an verachtenswertem Konsum zu übertreffen. Für eine solche Sünde ist in dem Leben, das in Utopia herrscht, kein Platz.“2 Das Fehlen von Stolz und Hochmut bewahrt Utopia vor Klassenkämpfen und potenziellen sozialen Problemen. Denn ein Gemeinwesen ohne Stolz ist genauso stark wie eine Familie, die zusammenhält.
Die Arbeitsteilung und das Fehlen von Stolz ermöglichen den Menschen ein glückliches Leben. Ein höheres Gut, als sich für das Glück aller einzusetzen, kann es nicht geben. Utopia sorgt darüber hinaus dafür, dass der Aufwand des Einzelnen, diesem Ziel zu dienen, nicht zu hoch wird. Morus ist der Auffassung, dass Geld bzw. Kapital, nach dem die Menschen streben, ein Problem darstellt; deshalb verbannt er es aus seinem Utopia. Aller Sorgen um die Grundversorgung mit Nahrung, um die Begleichung von Rechnungen und anderer Zwänge ledig widmen sich die Menschen physischen Vergnügungen wie Essen, Trinken und Festen, wobei der Genuss von Alkohol tabu ist. Musik gilt als ein Genuss für Leib und Seele. Alle Häuser sollen einen Garten haben, den die Menschen mit viel Liebe gestalten und in den sie einen Großteil ihrer Freizeit investieren. Die Konkurrenz um den schönsten Garten ist wohl der einzige Wettbewerb, der zwischen den Familien stattfindet.
An die Stelle des Stolzes tritt die spirituelle Erfüllung. Um ihr Verlangen nach Rechtschaffenheit und innerer Einkehr zu befriedigen, beschäftigen sich die Menschen intensiv mit Religion und Philosophie. Die angesehenste gesellschaftliche Tugend in Utopia ist die natürliche Vernunft der Bürger, die zugleich als Hauptgrund für die Schöpfung der Welt betrachtet wird. Der Natur gemäß zu leben, bedeutet für die Menschen Utopias, ein menschenfreundliches Leben zu führen. Morus beschreibt: „So wie die Natur uns dazu anhält, uns gegenseitig ein schönes und angenehmes Leben zu ermöglichen, ermahnt sie uns auch wieder und wieder, nicht auf der Suche nach dem eigenen Vergnügen das Vergnügen anderer zu mindern oder zu zerstören.“3
Die Religion bringt den meisten Bewohnern Utopias ein Höchstmaß an Erfüllung. Dieser Ansatz ist Morus eigen, denn sowohl Plato als auch Marx akzeptierten die Religion nicht. Der Fürst von Utopia verfügt, dass alle Bürger zumindest an zwei Dinge glauben sollten: an die Unsterblichkeit der Seele und an die Existenz von Belohnung und Bestrafung im Jenseits. In der Religion finden die Bewohner Utopias ihren Frieden und die Möglichkeit, über die Wahrheit zu meditieren. Da die Erziehung das effizienteste Mittel ist, um Korruption und Verbrechen zu besiegen, wird sie den Priestern überantwortet. Dies hat zur Folge, dass nur wenige Gesetze benötigt werden und die bestehenden allenfalls einer groben Interpretation bedürfen.
Die Regierung Utopias besteht aus Verwaltungsbeamten und einem Fürsten, der die Angelegenheiten des Landes regelt. Dieser Zustand steht nicht im Widerspruch zum Kommunismus, denn der einzige Zweck der Regierung besteht darin, den Status Quo (den herrschenden Zustand) aufrechtzuerhalten und Untätigkeit zu unterbinden. Die Regierung ist auf äußerst verantwortungsvolle Weise zusammenzustellen. Alle Angelegenheiten müssen einen ganzen Tag lang zur Sprache kommen, auf den anschließend 3 Tage des Nachdenkens folgen. Außerhalb des Senats bzw. der Volksversammlung über öffentliche Angelegenheiten zu beraten, gilt als ein schweres Vergehen. Was das Gemeinwohl betrifft, so wird mehr Wert auf eingehende als auf schnelle Beratungen gelegt.
Fazit
Morus Utopia hat eine entscheidende Schwäche: Es ist statisch und konstant, für Wachstum und Entwicklung bietet es keinen Platz. Daher kann es nur durch ein Wunder oder durch einen Fürsten, der mit einem Höchstmaß an Macht ausgestattet ist, ins Leben gerufen werden. Morus sah zwar ein, dass sein Utopia keine mögliche Lösung war, aber natürlich wusste kannte er den historischen Prozess, der in der Zukunft zum Sozialismus führen sollte, nicht.
Der Staat Utopia hat seine Existenz in der Literatur nur dem Ansinnen seines Autors zu verdanken, dem Leser begreiflich zu machen, dass die wichtigsten Werte Utopias tatsächlich die fundamentalen Werte der menschlichen Natur sind und dass die Welt unvollkommen ist. Raphael Hythloday sagt am Ende des Buches denn auch: „Ich muss zugeben, dass es viele Dinge im Gemeinwesen Utopia gibt, die ich mir mehr wünsche, als dass ich erwarten würde, sie unter unseren Bürgern verwirklicht zu sehen.“4
Morus ruft die Menschen nicht zur Revolution auf. Er ist auch kein Führer des Proletariats, der die Bourgeoisie stürzen möchte. Nein, er ähnelt vielmehr den Bewohnern von Utopia, die sich überlegen, welcher Zustand der Gesellschaft denn erstrebenswert wäre. In gewissem Sinne träumt er einfach einen Wachtraum und erwartet nicht, aufzuwachen und seinen Traum verwirklicht zu sehen. Sein Utopia nimmt bereits einige Merkmale der modernen klassenlosen Gesellschaft vorweg, ohne jedoch Mittel und Wege zu nennen, die in dieses Paradies der Glückseligkeit führen.
EINSCHUB
Die Anfänge der griechischen Demokratie sind eng mit dem Entstehen der griechischen Polis verknüpft. Der moderne Staatsbegriff kann nicht ohne weiteres auf die Antike übertragen werden, daher ist unter Polis das Gemeinwesen, unter Politik die Regelung öffentlicher Angelegenheiten zu verstehen. Die Polis setzt sich aus primären Gemeinschaften, Mann - Frau, Herr - Sklave zusammen. In diesen seit dem neunten Jahrhundert v.Chr. entstehenden städtischen Gemeinschaften bildete sich eine Bürgerschaft (Demos) heraus, die alle Freien als politisch Gleichberechtigte umspannte.
Der Begriff der Polis wird auch oft mit Stadt, Staat oder Stadtstaat übersetzt. Doch keiner dieser Begriffe wird der Organisation der Polis gerecht. Die Polis bezeichnet kein Stadtgebiet, weil sie zum Teil auch das ‚Hinterland‘ mit einbezog, andererseits aber auch keinen Staat, weil sie nicht die typischen Wesensmerkmale eines Staates (wie zum Beispiel Souveränität nach innen und außen) trug. Die Polis war vielmehr eine Bürgerschaft, die politisch und wirtschaftlich unabhängig war und durch die Gesamtheit aller freien und gleichen Bürger männlichen Geschlechts bestimmt und regiert wurde.
Die Regierung, die sich durchaus von Polis zu Polis unterschied, ging von der Volksversammlung aus. In der Blütezeit der griechischen Demokratie, dem fünften und vierten Jahrhundert v. Chr., bestimmte die Volksversammlung die Gesetzgebung, die Außen-, Innen-, Finanz- und Militärpolitik. Die antike Demokratie basierte auf der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, der Redefreiheit und dem freien Zugang zu öffentlichen Ämtern. Die Volksversammlung wählte aus ihrer Mitte Geschworene, die in ihrer Gesamtheit die Funktion eines Gerichts übernahmen. Öffentliche Ämter wurden immer nur für eine begrenzte Zeit vergeben; die Amtsinhaber waren zu öffentlicher Rechenschaft verpflichtet.
Die zuvor mächtigen Adeligen wurden vollständig entmachtet. Sie mussten sich von nun an mit dem ‚niederen Volk‘ auseinander setzen. Die Beteiligung am politischen Leben wurde zur Pflicht und Aufgabe aller Bürger, auch der ärmeren. Wer sich dem verweigerte, verlor seine Bürgerrechte und wurde aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Die Einführung einer Begrenzung der Amtsdauer und das Losprinzip stellten sicher, dass die meisten Bürger in ihrem Leben ein Amt übernehmen konnten bzw. mussten. Als Ausgleich für ihr Engagement wurde Tagegeld gezahlt.
An der Verfassung der Polis orientieren sich die politische Philosophie der Griechen und insbesondere die Werke Platos und Aristoteles‘, der Urheber europäischen politischen Denkens überhaupt. Die Polis war das Vorbild aller demokratischen Verfassungen.
Nachteile dieser Regierungsform sind bei kritischer Betrachtung nicht von der Hand zu weisen. Alle Rechte und Pflichten galten nur für die Vollbürger, eine Minderheit der Einwohner. Frauen, Ausländer, Sklaven und Einwohner, die keine Vollbürger waren (Metöken), besaßen zum Teil überhaupt keine, zum Teil nur eingeschränkte Rechte. Der Erwerb von Grundbesitz, die Bekleidung öffentlicher Ämter und das Stimmrecht blieben ihnen verwehrt. Die Herrschaft in der Polis ging also von einer Minderheit aus. Da die Volksversammlung ihre Herrschaft außerdem direkt ausübte, bestand die Gefahr, dass Augenblicksstimmungen und Demagogie zu Fehlentscheidungen führten.
Doch trotz aller Kritik hat sich die antike Polis um die Begründung der Demokratie verdient gemacht, weil hier zum ersten Mal die Bedeutung des Menschen als Einzelwesen anerkannt und geachtet wurde. In ihr wurden Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von den Tyrannen praktiziert und zugleich philosophisch untermauert.
Mit dem Bruderkrieg zwischen Athen und Sparta wurde die Demokratie und deren Ordnungsform, die Polis, in Frage gestellt. Die Epigonen, die neuen ‚Volksführer‘ standen im Verdacht, nur die eigenen Machtinteressen im Auge zu haben, und das Vertrauen in das demokratisch herbeigeführte Gesetz schwand. Das Modell der Polis war erschüttert und eine allgemeine Politikverdrossenheit breitete sich aus. Innerhalb von nur acht Jahren wurde die athenische Verfassung vier Mal geändert, und im Jahre 411/10 v.Chr. wurde die Demokratie schließlich durch eine Oligarchie ersetzt.
(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 16, 2002)
1 Thomas More; Utopia; Bearbeitung und Übersetzung: H.V.S. Ogden; Illinois 1949, S. 29
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