Moral in den Medien
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L. Williams

Als vor wenigen Monaten in den USA zwei bewaffnete Schüler in ihre Schule stürmten und ein Blutbad anrichteten, wurde auch in Deutschland wieder verstärkt darüber diskutiert, inwieweit die Gewalt im Alltag von der Gewalt in den Medien hervorgerufen oder verstärkt wird. Ist die Filmindustrie nicht für eine Senkung des moralischen Standards in der Gesellschaft zumindest mitverantwortlich, wenn sie Filme produziert, in denen Mörder als Helden gefeiert werden? Natürlich würde kein Filmemacher zugeben, dass er zur Gewalt aufruft. Wenn aber die Konsequenzen unmoralischer Taten nur unzureichend oder gar nicht beschrieben werden, braucht man sich nicht zu wundern, wenn diese in der tatsächlichen Welt imitiert werden. Wie kann sich die Gesellschaft gegen diesen Trend zur Wehr setzen? Diese Frage wird bereits seit Jahrzehnten diskutiert, ohne dass wirksame Maßnahmen ergriffen worden wären. Bemühungen, bestimmte Filme bestimmten Altersschichten nicht mehr zugänglich zu machen, haben nicht die gewünschten Resultate erbracht. Diskussionen kommen zwar bei konkreten Anlässen immer wieder auf, ebben aber meistens nach kurzer Zeit wieder ab, ohne dass sich etwas ändern würde.

In Hollywood gab es eine Zeit, in der einzelne Menschen und Organisationen erfolgreich Druck auf die Filmindustrie ausüben und sie dazu zwingen konnten, sich einer strengen Selbstkontrolle zu unterwerfen. Diese Zeit begann in den 30er Jahren und endete ca. 1968.

Die Anfänge der Filmindustrie

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand in den USA das Filmgeschäft. Sehr schnell konnte es die Massen für sich begeistern. Bereits in den 20er Jahren besuchten jede Woche 40 Millionen Amerikaner die Kinos. Aber auch auf anderer Ebene befand sich die amerikanische Gesellschaft jener Zeit im Wandel. Nachdem ihnen 1920 das Wahlrecht zugesprochen wurde, traten Frauen selbstbewusster auf und nahmen eine viel offensivere Rolle im öffentlichen Leben ein als in früheren Zeiten. Nachtklubs hatten Hochkonjunktur und während der Zeit der Prohibition (des Verbots von Alkohol) betrieben immer mehr Gangs einen schwunghaften Handel mit alkoholischen Getränken. Diesen Wertewandel dokumentierten auch die Filmproduzenten in ihren Filmen. Um ein möglichst junges Publikum anzusprechen, wurden neue Entwicklungen in der Gesellschaft positiv dargestellt und Tabus bewusst gebrochen. Der Kampf zwischen den Hütern der Moral und der Filmindustrie begann.

Die Skandale Hollywoods in den 20er Jahren ließen die Rufe nach einer Filmzensur immer lauter werden. 1921 wurde der Komiker Fatty Arbuckle der Vergewaltigung und des Mordes an einer jungen Schauspielerin angeklagt. Filmdirektor William Taylor wurde ermordet aufgefunden, während Zeitungsartikel später pikante Details aus seinem Privatleben und über seinen Drogenkonsum veröffentlichten. Der Schauspieler Wallace Reid starb an einer Überdosis Rauschgift. Dies sind nur drei von vielen Skandalen, die beweisen, dass Skandale fast so alt sind wie die Filmbrache selbst.

Das Filmgeschäft entwickelte sich immer mehr zu einer Industrie. Filmgesellschaften, die Produktion, Vertrieb und Vorführung unter einem Dach vereinen wollten, hatten jedoch ein Problem. Für die Expansion wurde immer mehr Kapital benötigt, dass man an der Börse der Wall Street einsammeln wollte. Dort aber wurde auf konservative Geschäftspraktiken Wert gelegt. Man konnte und wollte sich keine Skandale und schon gar keine gerichtlichen Ermittlungen gegen Hollywood leisten.

Der Druck auf Hollywood wächst

1921 wurden in 37 Bundesstaaten ca. 100 Gesetze verabschiedet, die das, was auf der Leinwand gezeigt werden durfte, sanktionierten. Auf einheitliche Richtlinien konnte man sich nicht einigen, und so unterschieden sich die Gesetze von Bundesstaat zu Bundesstaat oft ganz erheblich. In Kansas durften zum Beispiel - im Gegensatz zu Ohio - in den Filmen keine rauchenden Frauen gezeigt werden. In Pennsylvania durften - im Gegensatz zu New York - keine schwangeren Frauen auf der Leinwand abgebildet werden. Sechs Staaten, die die Kontrolle über ein Drittel der amerikanischen Kinos ausübten, sprachen sich dafür aus, Ehebruch und abweichendes sexuelles Verhalten nicht zu dulden.1 Filme wurden nach ihrer Fertigstellung und Auslieferung an die Kinos zensiert und beschnitten und das, was dann noch von ihnen übrig blieb, erregte meistens den Unmut von Produzenten und Publikum.

Die lokalen Kinobesitzer setzten sich gegen die Kosten für die Zensur und die Angriffe der Medien zur Wehr. 1922 schlossen sich die Präsidenten der Filmgesellschaften zu einem Wirtschaftsverband namens ‚Motion Picture Producers and Distributors of America‘ (Verband der amerikanischen Filmproduzenten und Verleiher), MPPDA, zusammen. Zwar gelang es auch diesem Verband zunächst nicht, einheitliche Richtlinien für die Inhalte von Hollywoodfilmen zu verabschieden. In die Verträge der Schauspieler wurde jedoch schon bald eine Klausel aufgenommen, die sie dazu verpflichtete, sich in ihrem Privatleben nicht daneben zu benehmen: „Der Artist verpflichtet sich, sein Leben in Einklang mit den öffentlichen Konventionen und Moralvorstellungen zu leben. Er akzeptiert, nichts zu tun, was ihm Unmut, Hass, Geringschätzung oder Verachtung der Gesellschaft eintragen könnte. Er verspricht, nichts zu tun, was die Gesellschaft schockieren oder beleidigen könnte, und unterlässt alles, was die öffentliche Moral oder den Anstand verletzt und der Filmindustrie im Allgemeinen schadet.“2

Viele Schauspieler waren über diese persönlichen Einschränkungen sehr erbost und setzten sich über sie hinweg. So gab es auch weiterhin reichlich Skandale. Mitte der 20er Jahre wurde eine mehrheitlich protestantische Anti-Film Lobby immer stärker. Die ‚Womens Christian Temperance Union‘ (Vereinigung christlicher Frauen für Mäßigung), das ‚Motion Picture Research Council‘ (Filmforschungskomittee), das ‚Federal Motion Picture Council‘ (Bundesfilmkomitee) und andere Organisationen setzten sich für Gesetze auf Bundesebene ein. Anhänger der Zensur behaupteten, Filme seien unmoralisch, schädlich und würden die Jugend verderben.

Ende der 20er Jahre nahte das Ende der Stummfilmära. Tonfilme verschafften den Moralhütern mehr Arbeit als je zuvor. Diese Filme waren noch populärer und ihre Dialoge forderten oft die öffentlichen Normen heraus. 1928 wurden allein im Staate New York 4000 Szenen aus 600 eingereichten Filmen geschnitten, in Chicago waren es immerhin noch über 600 Szenen.3

Martin Quigley, Besitzer und Herausgeber des Journals für industriellen Handel Exhibitors Herald World, startete 1929 den ersten Versuch, von katholischer Seite Einfluss auf die Filmindustrie zu nehmen. Er war der Auffassung, staatliche Zensur sei sinnlos und begann, über einen Kodex nachzudenken, der Vorschriften, Richtlinien und philosophische Hintergründe beinhalten sollte. In Zusammenarbeit mit einem Professor der St. Louis Universität, Pater Daniel Lord, erarbeitete er einen Produktionskodex, der folgende Prinzipien umfasste:

  • Kein Film darf die moralischen Normen seiner Zuschauer senken.
  • Naturgesetze und Gesetze Gottes dürfen nicht lächerlich gemacht oder verspottet werden. Vorbehalte gegen sie dürfen nicht geschürt werden.
  • Das Leben und die Lebensweise des Menschen dürfen nicht verzerrt dargestellt werden. Zumindest muss in jedem Fall darauf geachtet werden, dass die Filme Jugendlichen keine falschen Werte vermitteln.4

Dieser Produktionskodex bezeichnete Filme als Unterhaltung. Die Produzenten dieser Unterhaltung sollten sich dazu verpflichten, ‚korrekte Unterhaltung‘ für ein Massenpublikum zu produzieren. Filme hatten nach Ansicht der Verfasser des Kodexes großen Einfluss auf Körper und Seele des Menschen und waren durchaus dazu in der Lage, den spirituellen und moralischen Fortschritt zu beeinträchtigen. Der Kodex gab Einschränkungen für Sprache und Verhalten vor. Viele beleidigende Worte und Ausdrücke wurden abgelehnt. Die Verhöhnung der Religion, Szenen mit nackten Menschen und Geburtsszenen, allzu anzügliche und zweideutige Tänze und die Darstellung von illegalem Drogenkonsum wurden verurteilt. In puncto Sex und Gewalt war die Aussage des Kodexes sehr eindeutig:

I. Verbrechen gegen das Gesetz

Verbrechen dürfen auf keinen Fall so präsentiert werden, dass der Zuschauer Sympathie mit dem Verbrecher empfindet und sich gegen Recht und Gesetz auf die Seite des Kriminellen stellt. Niemand darf dazu aufgefordert werden, Verbrechen nachzuahmen.

  1. Mord: Die Ausführung eines Mords muss - wenn überhaupt - so dargestellt werden, dass sie nicht zur Nachahmung einlädt. Brutale Morde dürfen nicht in allen Einzelheiten gezeigt werden. Rache darf nicht gerechtfertigt werden.
  2. Die Ausführung von Verbrechen darf nicht offen gezeigt werden: Diebstahl, Raub, das Knacken von Safes und das Sprengen von Zügen, Minen, Gebäuden etc. dürfen nicht so dargestellt werden, das sie nachgeahmt werden können. Dies gilt auch für Brandstiftung. Die Verwendung von Feuerwaffen sollte sich auf das Nötigste beschränken. Schmuggelmethoden dürfen gar nicht gezeigt werden.
  3. Der Handel von illegalen Drogen hat in Filmen nicht zu suchen. Auch der Genuss von Alkohol darf nur dann ins Bild rücken, wenn dies für die Handlung des Films oder für die Charakterisierung handelnder Personen absolut erforderlich ist.

II. Sexualität

Die Unantastbarkeit der Institutionen Ehe und Familie muss aufrecht erhalten werden. Filme dürfen nicht dazu beitragen, dass niedere Formen sexueller Beziehungen akzeptiert und allgemein üblich werden.

  1. Ehebruch mag zwar wichtig für die Handlung eines Films sein, darf aber weder offen gezeigt, noch gerechtfertigt oder als anerkennenswert präsentiert werden.
  2. Leidenschaftliche Szenen sollten nur dann gezeigt werden, wenn sie für die Handlung unentbehrlich sind. Übertriebenes Küssen, lustvolle Umarmungen, zweideutige Posen und Gesten dürfen nicht gezeigt werden. Im Allgemeinen sollte Leidenschaft nicht in einer Art und Weise dargestellt werden, die niedere Instinkte anspricht.5

Interessanterweise stimmen die hier beschriebenen Prinzipien, die ein katholischer Gelehrter erarbeitet hat, mit dem Moralkodex des Islam überein. Auch der Islam verbietet die detaillierte Darstellung von Handlungen, die nicht die Anerkennung Gottes finden.6

Zu Beginn der Wirtschaftskrise, der großen Depression, setzten die Filmstudios ganz besonders auf die Themen Sex und Gewalt, um ein möglichst großes Publikum anzulocken. Dies führte erneut zu heftigen Auseinandersetzungen. Schließlich gelang es Will Hays, dem Präsidenten der MPPDA, die Studios davon zu überzeugen, dass eine verbindliche Anerkennung dieses Kodexes die sicherste und finanziell günstigste Antwort auf ihre Streitigkeiten mit der öffentlichen Meinung sei. Denn wenn sich die Filmindustrie selbst gewisse Beschränkungen auferlege, könnte eine Intervention seitens der Regierung überflüssig werden. Die Filmgesellschaften hatten hohe Schulden, da sie für die Einführung des Tonfilms viel Geld investiert und im Börsencrash von 1929 weiteres Geld verloren hatten. Im verzweifelten Bemühen, ihre Kosten zu reduzieren und keine unnötigen Gelder für die Zensur zu zahlen, entschieden sie sich schließlich dafür, sich schon bei der Produktion der Filme an den Kodex zu halten. Der Kodex wurde also im Jahre 1930 angenommen.

Die Rolle des Joe Green

Zwischen 1930 und 1934 ignorierten und verletzten einige Filmproduzenten den Kodex ganz bewusst. Dem wirkte die katholische Kirche mit der Unterstützung von Juden und Protestanten entgegen. 1934 wurde Joe Breen, ein strenger katholischer Moralist, der als Experte für Öffentlichkeitsarbeit im Büro des MPPDA arbeitete, engagiert, um die ‚Hollywood’s Production Code Administration (Verwaltung des Produktionskodexes für Hollywood), PCA, zu führen. Breen erarbeitete neue Richtlinien: „Das PCA hat die Befugnis, alle Filme zu überprüfen und die Korrektur der Drehbücher zu verlangen. Jedes Kino, das einen Film zeigt, der nicht das Siegel des PCA trägt, wird zu einer Strafe von $ 25 000 verurteilt.“7 Endlich erhielt der Kodex eine gewisse Machtposition. Die Studios akzeptierten ihn und produzierten Filme, die den Richtlinien Breen’s entsprachen. Da Joe Breen so vehement auf die Anerkennung und Beachtung dieser Richtlinien gedrängt hatte, trug der Kodex später auch seinen Namen: ‚Breen’s Code‘. Zwei Jahrzehnte lang blieb der Kodex gültig, bis er schließlich im Jahre 1968 offiziell fallengelassen wurde.

Fazit

Breen’s Code ist ein schönes Beispiel dafür, dass Menschen das Verhalten von Institutionen, deren Interessen nicht mit den Interessen der Menschen übereinstimmen, beeinflussen können. Indem sie ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck brachten und sich organisierten, um Druck auf die Filmindustrie auszuüben, gelang es den Amerikanern, die Produkte der Filmindustrie in einer Art und Weise zu verbessern, die die Zustimmung der meisten monotheistischen Religionen fand. Auch auf der Schwelle zum 21. Jahrhundert gibt es unendlich viele Bereiche, in denen gläubige Menschen zusammenarbeiten können, um ihre Gesellschaften und die Welt als Ganze zu verbessern.

(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 12, 2001)

 


1 Die sechs Staaten: Pennsylvania, Ohio, Florida, New York, Maryland, Kansas und Virginia. Leff, J. and J. Simmons; The Dame in the Kimono. New York 1990, S. 4

2 ebenda S. 5

3 Black, G.D.; Hollywood Censored. New York 1994, S. 34

4 Leff, J. and J. Simmons; The Dame in the Kimono. S. 284-285

5 Leff, J. and J. Simmons; The Dame in the Kimono. S. 284-285

6 Bukhari; The Prophets. Nr. 8

7 http://www. Pbs.org/wgbh/cultureshock/beyond/hollywood.html

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