Start Aus den Medien Gesellschaft und Politik Warum befindet sich der Islam im Konflikt mit dem Westen?
Warum befindet sich der Islam im Konflikt mit dem Westen?
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In seinen Reden, die er in Ankara und Kairo hielt, sprach US-Präsident Barack Obama von einem Neubeginn in den Beziehungen zwischen den USA und der muslimischen Welt. Sicherlich verdienen alle Aufrufe zu Frieden, Stabilität und friedlicher Koexistenz Respekt und sollten Beachtung finden. Auch ich gehöre zu den Menschen, die glauben, dass Obama Lehren aus der Bush-Ära gezogen hat und einen Neubeginn wirklich wünscht. Allerdings sollte ein solcher Neubeginn auch auf konkreten Grundlagen basieren. Prüfen wir also, ob dies der Fall ist.

Robert Fisk von der Zeitung The Independent schrieb, er frage sich manchmal, warum der Islam keinen kulturellen Wandel durchlaufen habe. Seine Antwort lautete: Muslime waren über Jahrhunderte hinweg in der Defensive, sie wurden ständig von Feinden bedroht, und die westlichen Mächte haben den Muslimen nie die Möglichkeit gegeben, eigenständig zu denken. Sie haben die muslimische Welt permanent bombardiert mit ihrer industriellen Macht, ihrer wissenschaftlichen und technologischen Stärke sowie auch mit ihrer Fähigkeit, die Welt zu dominieren und zu beherrschen. Sie haben es nie zugelassen, dass sich die muslimische Welt entwickelt und selbst verwaltet.
 
Fisk argumentierte, die US-Politik gegenüber dem Islam basiere auf Feindseligkeit, und fragte: Was wollen die USA im Irak, im Nahen Osten, in Kasachstan, Usbekistan, Pakistan, Deutschland, der Türkei und in Griechenland? Warum sind US-Soldaten außerhalb der Landesgrenzen in aller Welt stationiert? Welche Ziele verfolgen sie dort? Er zog einen Vergleich zwischen der Zahl der Soldaten, die an den Kreuzzügen im 12. Jahrhundert beteiligt waren, und der Zahl der derzeit im Nahen Osten stationierten US-Soldaten. Das Ergebnis ist ungeheuerlich: Im Nahen Osten stehen heute doppelt so viele US-Soldaten, wie damals an den Kreuzzügen beteiligt waren. (Zeitung Vatan, 16. Mai 2007)

Ob es uns gefällt oder nicht, das Verhältnis zwischen dem Islam und dem Westen ist ernsthaft gestört. Ohne sich nun allzu intensiv mit den wahren Ursachen dieser Konflikte zu befassen, ist ein Neubeginn nicht gerade wahrscheinlich, denn:
 

  1. Der Westen kontrolliert die muslimischen Gebiete, in denen ein Drittel der weltweiten Energieressourcen liegen, sowie auch die Energie-Transfer-Routen. Den Muslimen wird das Besitzrecht an ihren eigenen natürlichen Ressourcen abgesprochen.
  2. Hindernis Nummer eins für Veränderungen in der muslimischen Welt ist die Existenz repressiver Regime. Die große Mehrheit der Bevölkerung dort ist jung, verzweifelt und arbeitslos. Millionen von Menschen sehnen sich nach besseren Bildungs- und Gesundheitsangeboten, einer fairen Einkommensverteilung, Meinungsfreiheit und dem Recht auf eine freie Opposition, kurz: nach humaneren Lebensbedingungen. Dennoch werden diese repressiven Regime von den USA und Europa unterstützt. Auf der anderen Seite tendieren die westlichen Regierungen und die Medien dazu, die Islamische Befreiungsfront (FIS), Hamas, Hisbollah und Muslimbruderschaft, die doch ausnahmslos für freie Wahlen, demokratische Teilhabe und parlamentarische Regime eintreten, als ‚Extremisten‘ abzustempeln und die Autokratien, Diktaturen und Königreiche als ‚gemäßigte Kräfte‘ darzustellen. Daraus lässt sich schließen, dass für die westlichen Mächte diejenigen als gemäßigte Kräfte gelten, die keine Einwände gegen die westliche Präsenz in der Region haben, während man alle anderen, die dagegen protestieren, als Extremisten bezeichnet.
  3. Israel, das in das Herz der Region eingepflanzt wurde, besetzt nun schon seit 60 Jahren Grund und Boden und macht den Palästinensern das Leben zur Hölle. Aber trotz aller Grausamkeiten, die es begeht, wird es von sämtlichen westlichen Ländern bedingungslos unterstützt. Die Palästina-Frage ist die ‚Mutter aller Fragen‘. Sie wird sich erst dann nicht mehr stellen, wenn die israelische Besatzung endet, die palästinensischen Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren, die israelischen Siedler gestoppt werden und die Zerstörung der Masdchid al-Aqsa ein Ende findet.
  4. Der Islam und die Menschen, die ihn praktizieren, werden ganz bewusst und vorsätzlich als ‚die Anderen‘ hingestellt. Sie werden dämonisiert, indem man sie aus dem globalen System ausschließt. Tag für Tag sehen wir uns mit neuen Etiketten und Verleumdungskampagnen konfrontiert: Fanatismus, Fundamentalismus, politischer Islam, Integrismus, Radikalismus, Islamophobie, Islamofaschismus, Reaktionärismus, Konservatismus, Extremismus, islamischer Terror usw.
  5. Der Westen zwingt anderen seine Kultur und seine Lebensweise auf. Und er drängt die Regierungen in den muslimischen Ländern, eine Politik zu verfolgen, die ihr dies auch in Zukunft ermöglicht. Er weigert sich außerdem, in einen Dialog auf einer paradigmatischen Ebene einzutreten. Er manipuliert die sozialen und kulturellen Strukturen der Muslime, ohne ihnen zu gestatten, auf natürliche Weise Veränderungen herbeizuführen.

All dies sind echte Konflikte. Sie stehen im Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Auf der einen Seite der Spaltung, die auf diese Punkte zurückzuführen ist, steht der Westen, auf der anderen Seite die muslimische Welt. Russland, China und Indien intervenieren in der muslimischen Welt allein aus politischer und strategischer Perspektive. Der Westen dagegen mischt sich in alle Belange der muslimischen Welt ein. Wenn er wirklich Frieden schließen und eine gute Nachbarschaft mit dem Islam pflegen möchte, muss er seine Besatzungstruppen abziehen. Er muss damit aufhören, repressive Regime zu unterstützen. Er muss dafür sorgen, dass sich Israel in die Grenzen von 1967 zurückzieht, und er muss den Islam und die Lebensweise der Muslime respektieren.
 
Ali  Bulaç
Today’s Zaman, 12.06.2009
 

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