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Safak Öztürk
Einleitung
Seit Jahren wird darüber philosophiert, welche Chancen das Internet den Entwicklungsländern bietet. Doch trotz des Siegeszugs des Internets geht es heute über 80 Staaten auf der Welt schlechter als noch vor zehn Jahren. Dieser Artikel soll Barrieren, Chancen und Risiken der Internetnutzung in den Entwicklungsländern aufzeigen und die Frage stellen, ob das Internet diesen Ländern beim Überspringen wichtiger Entwicklungsstufen helfen kann.
Schon bald nach dem Start des Internets im August 1981 erkannten viele Experten, dass wir es hier mit einer ganz neuen und intensiven Kommunikationsform zu tun hatten, die Leben, Lernen und Arbeit der Zukunft tief greifend beeinflussen würde. In den 90er Jahren haben wir dann selbst erlebt, wie das Internet die Entstehung einer globalen Informationsgesellschaft vorangetrieben hat. Während das Netz der Netze bereits die ganzen 90er Jahre hindurch in den Industriestaaten florierte, wurden die Entwicklungsländer erst in den letzten Jahren nach und nach angeschlossen. Diese Verzögerung, die im Allgemeinen auf ihre schlechte sozio-ökonomische Lage zurückzuführen war, trug zur Bildung einer internationalen Wissens- und Informationskluft bei.
Statistiken zur weltweiten Internet-Nutzung
Ein Hauptproblem bei der quantitativen Bemessung der globalen Internet-Nutzung ist, dass es kaum verlässliche Angaben über die ‚Informatisierung’ einzelner Länder und Regionen gibt. Die zumeist von Consulting-Unternehmen vorgelegten Internet-Statistiken basieren auf unterschiedlichen Messgrößen und Erhebungsmethoden, die eine große oder geringe Bedeutung des Internet in den jeweiligen Ländern belegen sollen. Tatsache ist jedoch, dass sich die Anzahl der weltweit vorhandenen Internet-Zugangsrechner (Hosts), der Internet-Anschlüsse (Accounts) oder der Internet-Nutzer (User) nicht wirklich verlässlich ermitteln lässt, sodass alle Internet-Statistiken mit Vorbehalt zu bewerten sind.1
Beim Start des Internets 1981 gab es nur 213 Host-Rechner. Im Juli 1998 erreichte ihre Zahl 37 Millionen, im Juli 1999 dann 56 Millionen. Die Anzahl der Host-Rechner sagt zwar etwas über die theoretische Zugangsmöglichkeit zum Internet aus, lässt jedoch keine Rückschlüsse auf die tatsächliche Zahl der Nutzer zu. Bei der Zunahme von Internet-Nutzern kann man Schätzungen zufolge von einem exponenziellen Wachstum ausgehen. Demnach wuchs die Zahl der User weltweit von 16 Mio. im Dezember 1995 auf fast 360 Mio. im Juli 2000.
Divergierende Internet-Nutzung in Industrie- und Entwicklungsländern
Die Verteilung der Internet-Hosts und -Nutzer auf die Industrie- und Entwicklungsländer offenbart erhebliche Asymmetrien, die es rechtfertigen, von einer ‚digitalen Kluft’ zu sprechen. Im Januar 1999 befanden sich 95 % der Hosts weltweit in den westlichen Industrieländern, davon allein 73 % in den USA.2 In New York City gibt es mehr Internet-Nutzer als auf dem gesamten afrikanischen Kontinent. Dem Bericht zur Entwicklung der Menschheit von 1999 ist zu entnehmen, dass auf die reichsten 20% der Menschen 93,3% der Nutzung des Internets entfallen, während die ärmsten 20% nur auf einen Anteil von 0,2% kommen. Da die meisten armen Menschen in Südasien leben, ist es nicht weiter verwunderlich, dass diese Region weniger als 1% der Internetnutzer stellt, obwohl sie gleichzeitig 23% der Weltbevölkerung beherbergt.
Ein deutliches Gefälle beim Zugang zum Internet besteht auch innerhalb der unterschiedlichen Regionen der Dritten Welt: Anfang 1999 stellte die Republik Südafrika 93 % der afrikanischen Internet-Hosts, und auf Mexiko, Brasilien und Argentinien entfielen 81% der Zugangsrechner Lateinamerikas.3
Hindernisse für die Nutzung des Internets
Die hohen Zugangskosten sind wohl das wichtigste Hindernis. Um sich Zugang zum Internet zu verschaffen, benötigt man Hard- und Software. Zusätzlich muss man für anfallende Internet- und Telefongebühren aufkommen. In absoluten Zahlen gerechnet unterscheiden sich die Kosten in Entwicklungsländern und Industrienationen kaum; entscheidend sind jedoch die relativen Kosten in Bezug auf das verfügbare Einkommen. Demnach sind die Internet-Kosten für die Menschen in den Entwicklungsländern astronomisch hoch. Die Anschaffungskosten für einen Computer betragen weltweit durchschnittlich ca. 1500 Dollar, was in Deutschland und den USA ungefähr einem Monatsgehalt entspricht. Für den gleichen Computer muss eine ganze Familie in Bangladesch acht Jahre arbeiten.4
Diese finanziellen Barrieren lassen sich durch die kollektive Internetnutzung umgehen. In vielen Ländern wurden Cybercafes und Telecenter gegründet. Viele sehen darin eine Chance, auch ärmeren Menschen den Zugang zum Internet zu ermöglichen. Vor zu großer Euphorie muss jedoch gewarnt werden. „Was für fast alle das Internet betreffenden Entwicklungen gilt, gilt auch für die Telecenter. Es einfach noch zu früh, ihren Nutzen abschließend zu beurteilen. Denn bislang gibt es kaum Anzeichen dafür, dass auch in jenen Gegenden Telecenter errichtet würden, in denen sie nicht einmal die laufenden Kosten tragen. In Entwicklungsländern kommen nur die wohlhabenden städtischen Bereiche in Frage.“5
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Telekommunikations- Infrastruktur
Ein weiteres Hindernis bildet nach wie vor die Infrastruktur, also die Telefondichte und die Versorgung mit elektrischem Strom. 75% der Weltbevölkerung besitzen bis heute keinen Telefonanschluss. Bei den vorhandenen Stromnetzen in den Städten kommt es zu häufigen Ausfällen, ländliche Gegenden hingegen verfügen teilweise sogar gar über gar keinen elektrischen Strom. Afrika lag 1998 mit einer Telefondichte von 2,15 pro 100 Einwohnern im internationalen Vergleich an letzter Stelle. In den meisten Staaten teilen sich 200 und mehr Einwohner einen einzigen Telefonanschluss. In den lateinamerikanischen Staaten sieht es etwas besser aus. Mit einer Telefondichte von 10-20 pro 100 Einwohner liegen sie deutlich über dem Durchschnitt der Entwicklungsländer.6 Als Alternative zum Telefon über Kabel sollte das Handy in Zukunft wohl eine größere Rolle spielen. Heute sind die Mobilfunkkosten allerdings einfach noch zu hoch.
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Alphabetisierung und Englischkenntnisse
Grundlegende Lese- und Schreibkenntnisse sind wesentliche immaterielle Nutzungsvoraussetzungen des Internets, die angesichts der hohen Analphabetenraten in der Dritten Welt oft nicht erfüllt sind. Hinzu kommt, dass vielen Menschen in den Entwicklungsländern die Nutzung des Internets auf Grund der Sprachbarriere versagt bleibt. 1995 waren 90% der Internet-Inhalte in englischer, 5% in französischer und 2% in spanischer Sprache verfasst.7 Um eine effektive Nutzung des Netzes auch in den Entwicklungsländern zu garantieren, muss sich auch deren kulturelle und sprachliche Vielfalt im Internet wieder finden.
Chancen, die das Internet Entwicklungsländern bietet
Preisgünstige Kommunikation: „Einer der Gründe für die zunehmende Popularität des Internets in der Dritten Welt ist die Möglichkeit, E-Mails zu versenden. In Ländern, in denen Telefongespräche und Faxe unzuverlässig und teuer sind, stellt dieser Internet-Dienst ein zuverlässiges, schnelles und vergleichsweise günstiges Kommunikationsmittel dar.“8
Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit: „Das Internet hebt die physischen Zugangsbarrieren zu internationalen Märkten auf, erweitert die wirtschaftlichen Handlungsmöglichkeiten aller Marktteilnehmer und ist somit eine wichtige Vorrausetzung für das wirtschaftliche Wachstum der Entwicklungsländer.“9
Elektronischer Handel: Das Internet öffnet den Unternehmen aus der Dritten Welt das Tor zum elektronischen Handel (Stichwort: E-commerce). Geringe Kreditkartenverbreitung, hohe Internet- und Versandkosten sowie Zollbarrieren sind jedoch Faktoren, die eine Verbreitung des E-commerce in den Entwicklungsländern behindern. Neuerdings nutzen jedoch Organisationen, die ‚fair gehandelte’ Produkte aus der Dritten Welt vertreiben, zunehmend die Möglichkeit des Internet-Handels.10
Verlagerung von Arbeitsplätzen in die dritte Welt: Die Kommunikationsmöglichkeiten des Internets und das Wachstum der hochrangigen unternehmensbezogenen Dienstleistungen führen zu einer Neuverteilung von Arbeit auf internationaler Ebene. Diese geht mit einer zunehmenden Nutzung hoch qualifizierter, aber billiger Arbeitskräfte in den Entwicklungsländern einher, wie das Beispiel der boomenden Softwareindustrie im indischen Bangalore zeigt. Das Internet wirkt somit der Abwanderung qualifizierter Fachkräfte aus den Entwicklungsländern entgegen. Diese positive Auswirkung des Internets relativiert sich jedoch angesichts des Arbeitskräftemangels in den Industrienationen (Green-Card-Debatte in Deutschland).11
Meinungsvielfalt und Demokratisierung: Eine der Hoffnungen, die man mit dem Internet verbindet, ist eine Öffnung hin zur Meinungsvielfalt - und damit verbunden die Stärkung der Demokratiebewegung in den Entwicklungsländern. So hat das Internet mit dazu beigetragen, die Weltöffentlichkeit über das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking (1989) zu informieren.12
Risiken für die Entwicklungsländer
Auf nationaler Ebene wird in den Entwicklungsländern die Kluft zwischen denen, die Zugang zu modernen Kommunikations- und Informationstechnologien wie dem Internet haben, und denen, die diesen Zugang nicht besitzen, immer breiter werden. Es besteht die Gefahr, dass eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entsteht. Sozio-kulturelle und vor allem sozio-ökonomische Faktoren haben ohnehin schon längst gesellschaftliche Gräben entstehen lassen. Wer Zugang zum Internet hat, gehört meistens sowieso zu den weniger verwundbaren Bevölkerungsgruppen. Die Internet-Technologie führt lediglich zu neuen Ausdrucksformen gesellschaftlicher Ungleichheit, nicht aber zu grundsätzlich neuen Problemen.
Auf globaler Ebene wird das bereits bestehende Ungleichgewicht zwischen entwickelten und weniger entwickelten Staaten noch größer werden. Sollten es die Entwicklungsländer nicht schaffen, noch schnell auf den ‚Internet-Zug’ aufzuspringen, werden sie gegenüber den Industrieländern weiter ins Hintertreffen geraten.
Ein weiteres Risiko des Internets für die Entwicklungsländer beinhaltet die Art der Vermittlung von Informationen und Wissen; denn sie basiert hauptsächlich auf amerikanischen, westeuropäischen oder ostasiatischen Denkmustern und Wertvorstellungen. Die Gesellschaften der Entwicklungsländer müssen aufpassen, dass sie sich ihren eigenen Kulturen nicht noch mehr als ohnehin schon entfremden. Das Internet unterwirft sie noch intensiver als bisher den Vorstellungen anderer Länder und Menschen.
Fazit
Die entwicklungspolitischen Möglichkeiten des Internets dürfen meiner Meinung nach nicht so optimistisch bewertet werden, wie Programmentwürfe der internationalen Organisationen es tun. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass die Technologie weder in der Lage ist, Armutsprobleme in der Dritten Welt zu lösen, noch grundlegende Reformen und andere Entwicklungsbemühungen zu ersetzen. Anderseits erfordert die soziale Entwicklung unserer Welt die Verfügbarkeit und die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnik.
Der Trend geht heutzutage dahin, die Entwicklung von funktionalen Kenntnissen der Informations- und Kommunikationstechnik zu forcieren. Diese Kenntnisse sind sicherlich wichtig, aber sie müssen ergänzt werden durch eine Art von Schulung, die die Menschen befähigt, kritisch mit den sozialen Auswirkungen der Informations- und Kommunikationstechnik umzugehen. Ein Verstehen sowohl der Risiken als auch der Chancen dieser Technik ist dringend erforderlich.
(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 17, 2002)
1 Herzog, Roman; Internet in Lateinamerika zwischen e.commerce und angepasster Nutzung; in: Brennpunkt Lateinamerika Nr.13 vom 19.07.1999, S.104
4 Simonitsch, Pierre; In 85 Ländern geht es den Menschen schlechter als vor zehn Jahren; Frankfurter Rundschau vom 13.07.1999
5 Panos Briefing No.28, April 1998; The Internet and Poverty: Real Help or real Hype?
6 Zahlen zur Telefonnutzung: Basic Indicators, ITU; 20.04.1999
7 Afemann, U; Internet für die dritte Welt – Chance oder Bedrohung; 1998, S.16
8 Dr. Jürgen Dietz; Digitale Kluft; in: Geographische Rundschau, Ausgabe Juli/August 7-8/2001, S. 53
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