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Was unterschiedliche Erziehungsstile bei Kindern bewirken
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Suheyla Sarac

Die Kindeserziehung ist eine zwar äußerst schwierige, aber auch sehr dankbare Aufgabe. Die Forscherin Baumrind, die sich schon in den 60er Jahren der Untersuchung der unterschiedlichen Erziehungsstile widmete, gelangte zu dem Schluss, dass sich alle Erziehungsstile in vier wichtigen Bereichen unterscheiden: Wärme/Pflege der Eltern, Disziplinstrategie, Kommunikationsfähigkeit und Reife-Erwartung. Ihr zufolge gibt es drei Arten von Erziehung: die autoritäre, die tolerante und die maßvolle (Berger 2001). Nichts und niemand beeinflusst das Leben von Kindern so stark wie die eigenen Eltern. Deren Auffassung, wie ihre Kinder denken, lernen und aufwachsen sollen, ist für das Verhalten der Kinder von alles entscheidender Wichtigkeit. Andere Faktoren wie die Gene, der Freundeskreis, die Kultur, das Geschlecht oder der finanzielle Status sind weniger bedeutend. Studien weisen auf eine Wechselbeziehung zwischen den unterschiedlichen Erziehungsstilen und schulischer Kompetenz, antisozialem Verhalten, Alkohol-, Drogen und Medikamentenmissbrauch, Depressionen, Angstzuständen und Selbst-Wahrnehmung hin.

Autoritäre Eltern

Ein autoritärer (oder auch diktatorischer) Erziehungsstil lässt den Kindern nur wenig Wärme und Pflege angedeihen. Er legt viel Wert auf Disziplin. Die Kommunikation von den Eltern zum Kind ist stark ausgeprägt, während die Kommunikation vom Kind zu den Eltern vernachlässigt wird. Die Erwartungen, die an die Kinder gestellt werden, sind hoch. Dieser Erziehungsstil war in der westlichen Welt lange Zeit tonangebend. Er sorgte dafür, dass der Status Quo, d.h., der herrschende Zustand, beispielsweise in der Agrar- oder in der Industriegesellschaft erhalten blieb (Dinwiddie 1995).

Autoritäre Eltern zeigen ihren Kindern ihre Liebe selten offen und halten sie auf Distanz. Diese Eltern befehlen und belehren ihre Kinder. Sie haben kein Interesse daran, die Meinung der Kinder zu hören; ein Austausch im Sinne eines ‚Geben und Nehmen‘ findet nicht statt (Gonzales-Mena 1993). Gehorsam, Respekt und Tradition werden sehr geschätzt. Regeln sind nicht verhandelbar. Eltern haben immer Recht, und ungehorsame Kinder werden - oft auch physisch - bestraft, ohne dass die Grenze zur körperlichen Misshandlung dabei überschritten würde. Da die Kinder ihren Eltern gehorchen, um einer Bestrafung aus dem Weg zu gehen, werden sie passiv und ordnen sich unter. Autoritäre Eltern setzen bei ihren Kindern einen Reifegrad voraus, der über dem von gleichaltrigen Kinder liegt, die anders erzogen wurden. Autoritäre Eltern neigen dazu, Kindern die gleiche Verantwortung zuzuschieben wie Erwachsenen. Insgesamt sind diese Eltern ihren Kindern gegenüber wenig aufgeschlossen, denn ihr Erziehungsstil ist Eltern-zentriert und orientiert sich vor allem an den Interessen der Eltern (Scarr, Weinberg und Levine 1986, S. 306).

Dieser nahezu nicht-interaktive Erziehungsstil birgt schwere Nachteile in sich. Kinder, die so erzogen werden, sind in ihrer Jugend sehr empfänglich für antisozialen Druck durch Gleichaltrige - und das gerade dann, wenn der Einfluss Gleichaltriger am größten ist. Bei Problemen wenden sich diese Kinder nicht an ihre Eltern, da sie es nie gelernt haben, mit ihnen zu reden. Stattdessen sind sie schnell entmutigt und distanzieren sich von ihren Eltern, indem sie gegen deren Werte und Überzeugungen rebellieren.

Steinberg (1994) erklärt, dass Jungen, die autoritär erzogen wurden, den höchsten Grad an Gewaltbereitschaft aufweisen. Derselbe Autor verweist darauf (1996), dass sie ein geringes Selbstwertgefühl besitzen und wenig ausdauernd, selbstsicher und mit ihrer Umwelt im Reinen sind. Seiner Meinung nach gilt: Je autoritärer der Erziehungsstil der Eltern, desto weniger Erfolg haben die Kinder im Leben. Andere Forscher bescheinigen autoritär erzogenen Kindern einen Mangel an sozialer Kompetenz und Initiative. Diese Kinder bekunden selten intellektuelle Neugier, sind nicht spontan und verlassen sich gern auf Autoritäten.

Tolerante Eltern

Tolerante Eltern, die oft auch als nachlässig und gleichgültig bezeichnet werden, legen viel Wert auf Wärme, wenig hingegen auf Disziplin und Struktur. Die Kommunikation von den Eltern zum Kind ist längst nicht so stark ausgeprägt wie die vom Kind zu den Eltern. Auch werden keine großen Erwartungen an die Kinder gestellt. Dieser Erziehungsstil war vor allem in den 50er und 60er Jahren populär. Die Tatsache, dass viele deutsche Eltern für den Aufstieg Hitlers mitverantwortlich waren, führte dazu, dass man die autoritäre Atmosphäre in deutschen Haushalten, wo bedingungsloser Gehorsam verlangt wurde, ablehnte. Man war der Auffassung, die autoritäre Erziehung hätte die Kinder für Hitler ‚konditioniert‘ und ihm so den Boden bereitet (Dinwiddie 1995). Um diesem unerwünschten Nebeneffekt entgegenzuwirken, erzog man seine Kinder tolerant.

Tolerante Eltern sind warmherzig, verwöhnen ihre Kinder und akzeptieren sie so, wie sie sind. Ihre Hauptsorge gilt der Fähigkeit der Kinder, Kreativität und Individualität auszudrücken und glücklich zu werden. Sie glauben, dass die Kinder auf diese Weise Richtig und Falsch zu unterscheiden lernen (Neal 2000). Tolerante Eltern haben Probleme, ihren Kindern klare Grenzen aufzuzeigen und ihnen eine festen ‚Lebensrahmen‘ zu bieten. Sie sind schlechte Vorgesetzte und belohnen ungebührliches Verhalten ihrer Kinder immer wieder. Selbst wenn feste Richtlinien und Standards vorgegeben sind, werden die Kinder nicht dazu angehalten, diese zu befolgen. Tolerante Eltern beugen sich den Anweisungen ihrer Kinder, sind passiv und geben ihnen zu viel Macht. Sie haben kaum Erwartungen an ihre Kinder, greifen nur selten zu disziplinarischen Maßnahmen und fühlen sich nicht dafür verantwortlich, was aus ihren Kindern wird.

Ironischerweise sind Kinder die eine so tolerante Erziehung genossen haben, die unglücklichsten von allen. Sie leiden sehr oft unter Depressionen und Angstzuständen und neigen am zweithäufigsten (nach den autoritär erzogenen) zu Gewalt und antisozialem Verhalten (Simons, Lin und Gordon, 1998). Aktuelle Forschungen belegen den Zusammenhang zwischen toleranten Eltern und kriminellen Handlungen, Drogenmissbrauch und Sexualvergehen der Kinder (Snyder und Sickmund 2000; Jacobson und Crockett 2000).

Tatsächlich bringen tolerante Eltern ihren Kindern oft unbewusst bei, wie sie davon profitieren können, andere zu manipulieren. Die Kinder schneiden schlecht in der Schule ab, benehmen sich oft daneben (auch dann, wenn Erwachsene dabei sind) und übertreten immer wieder Regeln, weil sie diese nicht für maßgeblich erachten.

Da sie nie gelernt haben, sich selbst zu disziplinieren, haben sie es auch schwer, Selbstrespekt zu entwickeln. Ihr Mangel an Disziplin und Struktur erweckt in ihnen den Wunsch nach irgendeiner Art von Kontrolle. So wenden sie viel Energie auf, um ihre Eltern dazu zu bringen, sie zu kontrollieren (Gonzalez-Mena, 1993).

Ihre unerfüllten psychischen Bedürfnisse machen sie sehr anfällig dafür, von den Problemen des Alltags überwältigt zu werden, und verhindern, dass die Kinder als vollwertige Menschen an der Gestaltung ihrer Außenwelt teilnehmen (Gabarino und Abramowitz, 1992). Da sie keine hohen Erwartungen erfüllen müssen, können sie ihre Triebkräfte generell schwerer unter Kontrolle halten. Sie sind unreif und sträuben sich dagegen, Verantwortung zu übernehmen.

Steinberg (1996) weist in Familien, in denen sich die Eltern nicht um die Erziehung ihrer Kinder kümmern und keine ausgewogene ‚Geben-Nehmen‘-Beziehung zu ihnen aufbauen, einen starken Zusammenhang zwischen einem toleranten Erziehungsstil und mangelndem Erfolg der Kinder im Leben nach. Andere negativen Folgen für die Kinder sind Schlafstörungen und Gefühle der Unsicherheit.

Maßvolle Eltern

Maßvolle Eltern sind liebevoll, legen durchschnittlich viel Wert auf Disziplin, kommunizieren viel mit ihren Kindern und hegen keine überzogenen Erwartungen an sie. Der maßvolle Erziehungsstil setzt sich in den westlichen Industriestaaten immer mehr durch. Maßvolle Eltern sind warmherzig und sorgsam, sie bemühen sich, ihren Kindern ein liebevolles Zuhause zu bieten, und unterstützen sie, wo sie nur können (Ingersoll 1989). Im Gegensatz zu den toleranten Eltern sind sie sehr entschlossen, konsequent und fair.

Maßvolle Eltern erziehen durch rationale und Themen-orientierte Strategien. Ihnen kommt es vor allem darauf an, die Eigenständigkeit ihrer Kinder zu fördern, dabei aber auch die Interessen von Gruppen zu achten. Diese Eltern legen Verhaltensstandards fest und sorgen dafür, dass sie auch befolgt werden. Innerhalb der Familie herrscht eher eine demokratische als eine diktatorische Atmosphäre. Die Eltern setzen auf Vernunft, Verhandlung und Überzeugung, nicht aber auf Gewalt, wenn sie sich die Kooperation ihrer Kinder sichern wollen.

Den Kindern werden Alternativen zur Verfügung gestellt. Sie werden dazu ermuntert, Entscheidungen zu fällen und die Verantwortung für ihre Handlungen und Entscheidungen zu übernehmen (Barakat und Clark 1999). Wenn die Meinungen der Kinder Anerkennung finden und respektiert werden, profitieren davon sowohl die Eltern als auch die Kinder.

Maßvolle Eltern setzen Grenzen und Standards, die auf das Entwicklungsstadium ihrer Kinder abgestimmt sind. Sie machen ihren Kindern klar, dass sie sie unterstützen. Wenn die Forderungen der Eltern nicht erfüllt werden, sind sie eher nachsichtig und verständnisvoll als bestrafend (Glasgow 1997). Insgesamt basiert dieser Erziehungsstil stark auf wechselseitigem Verständnis und Gegenseitigkeit. Davon profitieren beide Seiten. Da der persönliche Kontakt und die Erziehung auf hohem Niveau stehen und die Erwartungen an die Kinder realistisch sind, besitzen diese sehr gute Entwicklungschancen. Auch akademischer Erfolg, der in gewissem Maße auf Erfolg im Leben schließen lässt, wird von maßvoll erziehenden Eltern gefördert. Dies mag darauf zurückzuführen sein, dass diese Eltern viel Zeit auf die Erziehung ihrer Kinder verwenden. Die ‚Geben-Nehmen‘-Beziehung ist sehr stark ausgeprägt und äußert sich in gemeinschaftlichen Lese- und Schreibübungen, Diskussionen usw..

Die Forschung hat darüber hinaus gezeigt, dass maßvoll erzogene Kinder sich nicht so leicht vom Druck durch Gleichaltrige beeinflussen lassen und sich ihre Freunde erfolgreich selbst aussuchen (Collins 2000). Da der maßvolle Erziehungsstil ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Kontrolle und Unabhängigkeit anstrebt, bringt er kompetente, sozial verantwortungsbewusste, selbstsichere und unabhängige Kinder hervor, die ein positives Selbstbild und gute Chancen besitzen, ihr Leben erfolgreich zu gestalten.

Maßvoll erzogene Kinder besitzen die Fähigkeit, sich gut in ihrer Umwelt zurecht zu finden. Ihr Selbstwertgefühl ist stark ausgeprägt, und sie haben sich gut unter Kontrolle. Sie schauen optimistisch in die Zukunft und lassen sich nicht so schnell zu Alkohol-, Medikamenten- und Drogenmissbrauch verleiten. Sie leiden selten unter Depressionen, und lehnen Gewaltanwendung in der Regel ab (Steinberg 1994).

Fazit

Die westliche Kultur legt großen Wert darauf, die Entwicklung von Kindern zu planen. Zukünftige Eltern verbringen sehr viel Zeit damit zu überlegen, welche Windeln sie kaufen sollen oder auf welche Schule sie ihr Kind einmal schicken werden. Über Erziehungsstile hingegen wird nicht genügend nachgedacht. Dabei ist doch inzwischen erwiesen, dass diese Erziehungsstile eine wichtige Rolle spielen: Sie entscheiden darüber, zu was für Menschen sich die Kinder entwickeln, ob sie ihre Zukunft selbst gestalten können und ob sie sich in die Gesellschaft eingliedern. Daher sollten sich alle Eltern frühzeitig Gedanken machen, welche Erziehungsstile sie bevorzugen und für ihre Kinder am geeignetsten erachten.

(Aus der Zeitschrift, Fontäne, Ausgabe 15, 2002)

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