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A. Özergin
Hat man Ihnen auch immer dazu geraten Ihre Gefühle zu unterdrücken, wenn Sie einen wichtigen Entschluss fassen müssen? Seit nunmehr drei Jahrhunderten herrscht in unserer Gesellschaft die Überzeugung vor, dass vernünftige Entscheidungen mit kühlem Kopf getroffen werden sollten. Gefühl und Vernunft - das verhalte sich wie Feuer und Wasser.
Die meisten von uns sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass die Mechanismen der Vernunft ihren eigenen Bereich im Geiste des Menschen haben, zu dem man dem Gefühl keinen Zutritt gewähren darf. Was das Gehirn hinter diesem Geist betrifft, so ging man bisher im Allgemeinen davon aus, dass Vernunft und Gefühl über separate neuronale Systeme verfügen. Inzwischen räumen jedoch viele Wissenschaftler ein, dass diese Vorstellung, die die westliche Wissenschaft und Medizin in den letzten drei Jahrhunderten geprägt hat, auf einem Irrtum basiert.
Einer der berühmtesten Sätze in der Geschichte der Philosophie lautet „Ich denke, also bin ich“, der von dem des französischen Philosophen Rene Descartes (1596-1650) stammt. Auf diesen Satz geht die Trennung des Verstandes vom Körper zurück. Beschäftigt man sich näher mit den Gedanken, die ihm zu Grunde liegen, so wird man feststellen, dass es Descartes hier um die Trennung von Gedanken und Urteil (die er einem immateriellen Geist zuschrieb) von denjenigen Vorgängen ging, die körperliche Funktionen und damit auch die Gefühle regieren. Er war der Ansicht, beim Denkvermögen handele es sich um eine Eigenschaft, die Organismen zusätzlich zu ihren anderen Qualitäten verliehen werde, die aber kein Teil von ihnen sei.
Die Folgen dieser Trennung reichen bis in die Gegenwart, was sich schon daran ablesen lässt, dass die westliche Medizin ihre Aufmerksamkeit bislang hauptsächlich auf die Krankheiten des Körpers gerichtet hat. In der sozialwissenschaftlichen und der medizinischen Ausbildung ist die Spaltung zwischen Verstand und Körper so fest etabliert, dass man sich erst in jüngster Zeit verstärkt interdisziplinärer Forschung widmete.
Die moderne Neurobiologie ist zu dem Ergebnis gekommen, dass bei einer konzertierten Aktion des Organismus, in der auch ein Denkprozess stattfindet, Verstand und Körper keineswegs ihre eigenen Wege gehen, sondern gemeinsam agieren. Neue Studien offenbaren, dass Denkprozess und Entscheidungsfindung auch der Gefühle bedürfen und persönliche wie auch soziale Überlegungen immer eine Rolle spielen sollten. Das heißt, dass auch Entscheidungen über Karriere, Wohnort oder Beziehungen nicht ohne Empfindungen getroffen werden dürfen.
Der Neurologe Prof. Dr. Antonio R. Damasio, Leiter der neurologischen Abteilung der Universität von Iowa, USA, hatte in seiner zwanzigjährigen Tätigkeit in Klinik und Labor die Gelegenheit, sich mit einer großen Zahl von Patienten mit Nervenerkrankungen zu befassen. Dabei lernte er zum Beispiel gelassene, emotionslose und intelligente Menschen kennen, deren praktischer Verstand so sehr beeinträchtigt war, dass sie in ganz alltäglichen Situationen ihres Lebens einen Fehler nach dem anderen begingen und ständig dem zuwider handelten, was sozial angemessen und für sie persönlich von Vorteil gewesen wäre.
Diese Menschen waren früher einmal vollkommen gesund gewesen, dann jedoch hatte eine Nervenkrankheit einen bestimmten Bereich ihrer Gehirne zerstört. Von einem Tag auf den anderen war nun ihre Entscheidungsfähigkeit empfindlich gestört. Die Instrumente, die man normalerweise als für rationales Verhalten notwendig und hinreichend erachtet, waren jedoch auch nach dieser Störung intakt geblieben. Wissensschatz, Konzentrations- und Merkfähigkeit wurden nicht beeinträchtigt. Die Patienten konnten sich nach wie vor einwandfrei ausdrücken, komplizierte Rechnungen ausführen und abstrakte Probleme logisch angehen. Die Störung ihrer Entscheidungsfähigkeit äußerte sich nur in einem einzigen entscheidenden Punkt: Es war ihnen nicht mehr möglich Gefühle zu empfinden. Ihre spezifischen Hirnschädigungen hatten ihr Gefühlsleben ruiniert und so zu einem Mangel an Vernunft geführt.
Seine Beobachtungen führten den Neurologen zu der Annahme, dass das Gefühl ein integraler Bestandteil des Verstandesmechanismus sein müsse. Er konnte anhand vieler Beispiele nachweisen, dass Patienten, die durch eine Gehirnverletzung ihre emotionale Erlebnisfähigkeit eingebüßt hatten, auch die Fähigkeit verloren vernünftige Entscheidung zu fällen.
Emotionen sind also kein Luxus, sondern ein fundamentaler Bestandteil derjenigen Mechanismen, die uns erlauben zu planen und Handlungen auszuführen, die für unser Überleben mehr oder weniger entscheidend sind. Prof. Damasio behauptet, dass wir unsere Vernunftstrategien in den Entwicklungsjahren ausbilden. Ob wir sie wirksam anwenden können, hängt wohl in beträchtlichem Maße von unserer Fähigkeit Gefühle entwickeln zu können ab. Ein Fehlen von Gefühl und Empfindung bedroht also unser rationales Verhalten, dem wir doch unsere spezifisch menschlichen Züge verdanken und das es uns ermöglicht, notwendige Entscheidungen mit Rücksicht auf unsere persönliche Zukunft, auf soziale Konventionen und auf moralische Grundsätze zu treffen. Im Idealfall lenken uns unsere Gefühle in die richtige Richtung und versetzen uns auf diese Weise in die Lage, auch die Instrumente der Logik besser nutzen können. Gefühle, Empfindungen und die ihnen zu Grunde liegenden verborgenen physiologischen Mechanismen unterstützen uns bei der schwierigen Aufgabe, eine ungewisse Zukunft vorherzusagen und unser Handeln entsprechend zu planen. Trotzdem befällt uns oft Unsicherheit, wenn wir vor der Aufgabe stehen ein moralisches Urteil zu fällen, über die weitere Entwicklung einer persönlichen Beziehung zu entscheiden, die richtigen Maßnahmen zur Altersversorgung auszuwählen oder das vor uns liegende Leben zu planen.
Professor Damasio ist der Auffassung, dass die Netze, die in erster Linie für Empfindungen verantwortlich sind, sich nicht auf das limbische System, also auf jene Gehirnstrukturen, denen man diese Aufgabe traditionell zuschreibt, beschränken. Auch einige präfrontale Rindenabschnitte und vor allem die Hirnbereiche, in denen Signale aus dem Körper kartiert und integriert werden, spielen seiner Meinung nach eine große Rolle.
Empfindungen sind - grob gesagt - Phänomene, die wir durch ein Fenster betrachten können, das sich direkt auf ein immer wieder aktualisiertes Bild von der Struktur und dem Zustand unseres Körpers öffnet. Wenn wir uns das, was wir durch das Fenster sehen, als Landschaft vorstellen, entspricht die ‚Körperstruktur‘ dreidimensionalen Objekten im Raum, während der ‚Körperzustand‘ dem Licht, dem Schatten, den Bewegungen und den Lauten der Objekte im Raum gleicht. In der Landschaft unseres Körpers sind die inneren Organe (Herz, Lunge, Leber) die Objekte, während Licht, Schatten, Bewegungen und Laute einen bestimmten Punkt im Funktionsbereich dieser Organe zu einem bestimmten Zeitpunkt darstellen. Eine Empfindung ist eine Art flüchtiger ‚Blick‘ auf einen Teil dieser Körperlandschaft.
Demzufolge sind Empfindungen Sensoren für die Kongruenz oder die fehlende Kongruenz zwischen Natur und Umständen. Empfindungen sind kein Luxus, genauso wenig wie die Gefühle, von denen sie sich herleiten. Sie dienen der inneren Orientierung und stellen eine Verbindung zwischen uns und anderen, vielleicht ebenfalls richtungweisenden Signalen her. Anhand der Empfindungen können wir erfahren, wie unser Organismus funktioniert. Wenn wir die Fähigkeit Körperzustände zu empfinden nicht besäßen, gäbe es in unserem Leben kein Leid und keine Seligkeit, keine Sehnsucht und kein Erbarmen, keine Tragödie und keinen Ruhm.
(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 11, 2001)
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